Thomas Hitzlsperger im Gespräch

Karriereziel Fußballprofi – aber bitte nicht ohne Schulabschluss! Dafür macht sich Ex-Nationalspieler und Vorstandschef des VfB Stuttgart Thomas Hitzlsperger stark. Lennert Brinkhoff sprach mit ihm anlässlich der Verabschiedung des ersten Jahrgangs des Entwicklungsprogramms über Leistung, Lernen und erfolgreiche Bildungskarrieren.

David Ausserhofer

Lennert Brinkhoff: Sind Sie gern zur Schule gegangen?
Thomas Hitzlsperger: Seit ich gegen den Ball treten konnte, hatte ich den Traum, Profi zu werden. Diesen Traum habe ich hartnäckig verfolgt. Ich hatte leider wenig Interesse, in der Schule zu lernen, stattdessen war ich nur an guten Noten interessiert. Das hat sich erfreulicherweise später geändert.

Wer Sie kennt, denkt, der Hitzlsperger hat sicher Abi gemacht, bestimmt sogar promoviert. Tatsächlich haben Sie es aber bei der mittleren Reife belassen. Stand familiärer Druck dahinter, oder war das Ihr eigener Wille?
Das war eine bewusste Entscheidung. Ich spielte in der B-Jugend beim FC Bayern München und rückte meinem Traum vom Profifußball näher. Ich hätte beides nicht vereinen können – Fußball und weiterführende Schule. Ich habe mich für den Fußball entschieden. Gleichzeitig habe ich eine Berufsausbildung zum Bürokaufmann begonnen, kurz darauf kam der Wechsel nach England – mein Eintritt in den Profifußball. Mit der erfolgreich abgelegten Abschlussprüfung war das Thema für mich abgeschlossen, und ich habe mich ausschließlich auf den Fußball konzentriert.

Und das erfolgreich! Mit dem VfB Stuttgart haben Sie 2007 den Meistertitel gewonnen, Sie waren beim Sommermärchen 2006 dabei. Wie erfüllend war das Leben als Profifußballer?
Ich war unter Gleichgesinnten und gern Profifußballer. Doch es war für mich nicht erfüllend, am frühen Nachmittag zu Hause zu sein, den halben Tag frei und dabei nichts zu tun zu haben. Es waren Begegnungen mit klugen Menschen, die mich inspiriert und dazu aufgefordert haben, meine freie Zeit zu nutzen.

Welche Menschen waren das?
Es war ein einschneidendes Erlebnis, als ich das erste Mal Roger Willemsen [Anm. d. Red. Publizist, Fernsehmoderator, Filmproduzent; * 1955; † 2016] begegnet bin. Roger hat mich unterstützt, er war ein außergewöhnlicher Mensch. Er hat mich angestachelt, besser zu werden, ihn zu verstehen, Bücher zu lesen.

Welche Möglichkeiten gab es zu Ihrer Zeit als Profi, sich weiterzubilden?
Man musste schon gezielt nach Lernangeboten suchen. In meiner Anfangszeit in England hatte ich ein Fernstudium begonnen und schnell wieder abgebrochen. Man hat die Idee, etwas zu tun, dann trainiert man schlecht, spielt schlecht und denkt sofort, das hängt zusammen. Ich habe aufgehört, mich auf diesem Weg weiterzubilden, und angefangen, Bücher zu lesen. Das hat mir nicht geschadet.

Stichwort Bildung: Können Sie kurz die Idee hinter der VfB Stuttgart Akademie schildern?
Neben unserem Kerngeschäft Fußball wollen wir mit der VfB Stuttgart Akademie Bildung fördern. Wir glauben, dass wir unseren Spielern mehr bieten sollten als nur Training und Spiele. Mit der VfB-Akademie möchten wir ein Bildungsangebot schaffen, das auf die Bedürfnisse von Sportlerinnen und Sportlern zugeschnitten ist. Aber die Akademie ist für alle zugänglich, die interessiert sind, ob Leistungssportler oder nicht. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass wir den VfB dadurch ein Stück weit besser und interessanter machen.

„Leistung beginnt im Kopf“ lautet Ihr Motto für die Akademie. Was meinen Sie damit?
Fußball wird immer komplexer, Spieler können sich nicht nur auf ihren Instinkt verlassen. Wer daher Lernbereitschaft mitbringt, schafft mehr Optionen. Ich denke, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, Profi zu werden, wenn man begreift, worauf es ankommt. Wenn man weiß, was eine gesunde Ernährung ist, Leistungsdaten interpretieren oder Spiele analysieren kann. Dazu braucht man Wissen. Ganz bedeutend ist aber auch die Zeit nach der Karriere. Darauf sollte man gut vorbereitet sein.

Schulen diskutieren darüber, wie sie Leistung definieren und vergleichbar machen. Was ist Ihr Verständnis von Leistung?
Wir diskutieren sehr oft darüber, und es gibt keine einfache Antwort. An erster Stelle steht natürlich das Ergebnis. Aber nicht jeder Sieg ist das Resultat einer guten Leistung. Wir haben eine Fülle an Werten, die wir heranziehen können. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, welche Daten für uns zur Leistungsbewertung relevant sind. Wenn wir gewinnen, freuen wir uns darüber, und am nächsten Tag überprüfen wir, ob wir in den einzelnen Bereichen wie Ballbesitz, Laufwerte oder Passquote an unsere Grenzen gegangen sind.

Nur drei bis vier Prozent der Spieler schaffen es, Profifußballer zu werden. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um, Menschen auf ihrem Weg zu begleiten, der eventuell nicht mit der Profikarriere endet?
Dafür haben wir hauptamtliche Pädagoginnen und Pädagogen, die die Spieler in schulischen Angelegenheiten unterstützen. Darüber hinaus zeigen wir den Spielern andere Lebensbereiche, die für sie später relevant sein können. Ganz besonders wichtig sind die Zusammenkünfte mit sozialen Einrichtungen wie zum Beispiel der Nikolauspflege. Ich kann verstehen, wenn die Spieler von der Profikarriere träumen und dann manchmal im schulischen Bereich nachlassen. Aber es ist unsere Pflicht, sie immer wieder mit der Realität zu konfrontieren. Einige haben es bereits vorgemacht: Joshua Kimmich, der bei uns in der Jugend gespielt hat, beweist: Abitur und Profifußball müssen kein Widerspruch sein.

Beim VfB Stuttgart gibt es ähnlich wie bei Schulen feste Strukturen, die seit Jahrzehnten gewachsen sind und erst einmal aufgebrochen werden müssen. Wie schwer fällt es Ihnen, Dinge zu verändern?
Ich packe gerade an und möchte den Verein vorwärtsbringen. In meiner Funktion als Sportvorstand ist das auch der klare Auftrag. Ich muss ein klares Ziel formulieren. Nun gilt es, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu zeigen, wie wir dieses Ziel erreichen können und warum es sich lohnt, dafür hart zu arbeiten.

Der Verein arbeitet intensiv mit Schulen zusammen. Was ist Ihr Anspruch an eine gemeinsame Kooperation?
Das Kolping-Bildungswerk ist seit zwei Jahren unser Bildungspartner. Wir können seitdem den Schulunterricht und das Training sehr flexibel gestalten und dabei nach wie vor hohe Qualität gewährleisten. Einige wenige Spieler besuchen zudem Partnerschulen in Stuttgart. Ich kann nach meiner kurzen Zeit beim VfB behaupten, dass es sehr gut funktioniert, beides zusammenzubringen: Flexibilität und Qualität.

Der VfB nimmt Bildung ernst. Was möchten Sie in dieser Hinsicht erreichen?
Ich wünsche mir eine Vielzahl an Spielern, die rückblickend sagen, dass wir ihnen früh genug klargemacht haben, was Bildung bedeutet. Menschen, die Karriere machen, weil sie begriffen haben, worauf es ankommt, und die sagen, dass sie beim VfB nicht nur Fußballspielen gelernt, sondern eine ganzheitliche Ausbildung genossen haben. Das wäre für mich ein Erfolg: dass wir erfolgreiche, motivierte und zufriedene Menschen ausbilden.

 

Das Gespräch wurde aufgeschrieben von Antje Tiefenthal und am 1. Oktober 2019 auf dem Deutschen Schulportal veröffentlicht.