Interview mit Jurymitglied Ralph Müller-Eiselt

 

Warum hat die Bertha-von-Suttner-Schule den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises 2026 verdient? 
Weil diese Schule nichts dem Zufall überlässt und niemand sie ohne Perspektive verlässt. Dabei gelingt es ihr, vermeintliche Gegensätze zu verbinden: selbstständiges und soziales Lernen, Kompetenzorientierung und Wissensvermittlung, Beziehungsarbeit und Bildungserfolg. Und sie beweist, dass auch eine Schule dieser Größe sich als Ganzes gestalten und weiterentwickeln lässt. 
Mit großer Überzeugung und enormem Engagement schafft es das Kollegium, die Schüler:innen individuell zu fördern und ihnen bestmögliche Bildungs- und Lebenschancen zu eröffnen. All das macht die Schule für mich besonders. 
 
Was sieht und erlebt man, wenn man an die Bertha-von-Suttner-Schule kommt? 
Man sieht zunächst eine sehr große Schule, die größte integrierte Gesamtschule Hessens. Der Campus liegt zwischen Mörfelden und Walldorf und besteht aus mehreren Gebäuden für die unterschiedlichen Stufen. Die Schulteile tragen eigene Namen wie „Abi-Bertha“ oder „kleine Bertha“. 
Auf den ersten Blick ist das gar nicht besonders beeindruckend. Es gibt keine außergewöhnliche Infrastruktur oder spektakulär ausgestattete Räume. Aber sobald man in die Klassenzimmer kommt, erlebt man vor allem eines: sehr schülerzentriertes Arbeiten, wirklich guten Unterricht. Der Unterricht ist darauf ausgerichtet, dass alle Schüler:innen ihr Potenzial entfalten können. Und das hat Erfolg: Sehr viele schaffen entgegen ihrer ursprünglichen Grundschulempfehlung den Weg in die Oberstufe und ein großer Teil von ihnen machen sogar das Abitur. 

Wie schafft es die Schule, dass die Schüler:innen ihr Potenzial entfalten können? 
Dahinter steht ein Konzept, das in der fünften Klasse beginnt, stark auf selbstständiges Lernen ausgerichtet ist und sich systematisch bis in die Oberstufe zieht. Entscheidend ist, dass diese Systematik vom gesamten Kollegium getragen wird und sich verlässlich im Unterricht wiederfindet. 
Das selbstständige Lernen verbindet viel Freiheit mit klaren Strukturen. Wir haben Stunden erlebt, die minutiös geplant waren. Innerhalb dieser klaren Zeitfenster haben die Schüler:innen aber viele Möglichkeiten, eigene Schwerpunkte zu setzen und auf ihrem jeweiligen Niveau zu arbeiten. 
Gleichzeitig werden sie intensiv von den Lehrkräften begleitet, unter anderem durch Doppelbesetzungen. Auch hier wird wenig dem Zufall überlassen. So schafft die Schule die Voraussetzungen dafür, dass alle Schüler:innen auf ihrem jeweiligen Niveau vorankommen können. 
 
Mit welchen Erwartungen sind Sie zunächst an die Bertha-von-Suttner-Schule gereist? 
Für mich war die Bertha-von-Suttner-Schule zunächst vor allem die „Digitalschule“. Dieser Aspekt war in ihrer Bewerbung recht prominent, zumal sie bereits beim KI-Schulpreis ausgezeichnet worden war. Deshalb bin ich mit der Erwartung hingefahren, eine Schule zu erleben, die im Bereich KI und digitales Lernen sehr weit ist. 
Vor Ort wurde schnell deutlich: Ja, die Schule greift diese Themen proaktiv, kritisch und konstruktiv auf. Aber dieser virtuose Umgang mit der Kultur der Digitalität fügt sich ein in ein beeindruckendes pädagogisches Gesamtkonzept, das sie auszeichnet. 
 
Was verstehen Sie bei dieser Schule unter einer „Kultur der Digitalität“? 
Das beginnt mit etwas, das man zunächst gar nicht sieht: mit einer sehr hohen Datenaffinität. Wir haben ein Kollegium erlebt, das Daten gezielt nutzt, um pädagogische und strategische Entscheidungen zu treffen. 
Für alle neuen Schüler:innen werden eingangsdiagnostische Analysen durchgeführt. Die dabei auch von den Grundschulen gewonnenen Informationen fließen unter anderem in die Zusammensetzung der fünften Klassen ein. Vorhandene Daten so konsequent als Basis für die pädagogische Arbeit zu nutzen, erlebt man an Schulen wirklich selten. 
 
Wo zeigt sich dieser bewusste Umgang mit Daten noch? 
Es geht der Schule nicht um möglichst viele, sondern um möglichst gute Daten. Sie überlegt sehr genau, welche Daten sie überhaupt braucht und wie sie diese sinnvoll erheben und nutzen kann. Dabei setzt sie teilweise bewusst auf qualitative statt auf quantitative Daten. Die Zufriedenheit der Schüler:innen wird zum Beispiel regelmäßig in Fokusgruppen erhoben. Die Ergebnisse werden anschließend im Kollegium diskutiert und daraus Maßnahmen abgeleitet. 
 
Gerade beim Einsatz von digitalen Tools, die sich rasant weiterentwickeln, müssen Schulen ihr Konzept stetig überprüfen, kritisch und offen bleiben. Wie schafft das die Bertha-von-Suttner-Schule? 
In der Schule konnten wir eine ausgeprägte Kultur des Teilens und des gemeinsamen Lernens beobachten. Das Kollegium ist sehr aktiv miteinander im Austausch. Neues kann ausprobiert werden, wird anschließend aber auch gemeinsam überprüft. Was funktioniert, wird schulweit genutzt, was sich nicht bewährt, wird wieder verworfen. So verbindet die Schule eine hohe Offenheit für Neues mit klaren qualitätssichernden Prozessen. 
Das gilt auch für den Einsatz von KI und anderen digitalen Tools. Sie werden gezielt als Instrumente für besseres Lernen und individuelle Förderung eingesetzt, auch bei Schüler:innen mit besonderen Förderbedarfen. Gleichzeitig haben wir einen sehr reflektierten Umgang mit den Grenzen von KI erlebt. Auch die Schüler:innen hinterfragen und prüfen KI-Ergebnisse bemerkenswert kritisch. 

Wie ist die Bertha-von-Suttner-Schule organisiert, damit sie sich als Schule kontinuierlich weiterentwickeln kann? 
Die Schule verbindet sehr klug Top-down-Impulse und Bottom-up-Initiativen. Die Schulleitung steuert gezielt die Schulentwicklung, delegiert aber viel Verantwortung und lässt dem Kollegium große Freiräume für Eigeninitiative. Auch die Gremien spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie wirken nicht als Hürde, sondern als Hebel für Veränderung. Die Prozesse erscheinen auf den ersten Blick komplex, sind aber ausgesprochen gut organisiert und ermöglichen, dass Neues entstehen, erprobt und weiterentwickelt oder verworfen werden kann. 
Die Schulleiterin ist seit 20 Jahren an der Schule. Deshalb haben wir uns natürlich gefragt, wie stark diese Kultur von ihrer Person abhängt. Wir haben darüber auch mit Lehrkräften, Eltern und Kooperationspartnern gesprochen. Die Einschätzung war sehr klar: Die Strukturen und die gemeinsame pädagogische Ausrichtung sind so fest verankert, dass sie von der gesamten Schulgemeinschaft getragen werden. 

Was war der Ausgangspunkt für die Entwicklung der Schule? 
Die Schule befindet sich seit rund 20 Jahren, als die heutige Schulleiterin ihr Amt übernahm, in einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess. Ein wichtiges Motiv war aus meiner Sicht ein gewisser Rechtfertigungsdruck. In der Wahrnehmung der Stadtgesellschaft war sie lange „nur“ die integrierte Gesamtschule und nicht das traditionsreiche Gymnasium. Zeitweise stand sogar der Fortbestand der Oberstufe infrage. 
Ich glaube, dass sich daraus zumindest teilweise der starke Fokus auf Leistung und der Anspruch erklären lassen, das Bestmögliche aus den Schüler:innen herauszuholen. Diese Leistungsorientierung ist heute tief in der Schule verankert.  
Gleichzeitig hat sie eine Lernkultur aufgebaut, die neben Bildungserfolg auch konsequent auf Beziehungsarbeit ausgerichtet ist. Selbstständiges und soziales Lernen greifen so perfekt ineinander. 
 
Was können andere Schulen von der Bertha-von-Suttner-Schule lernen? 
Vor allem für große Schulen ist die Bertha-von-Suttner-Schule ein interessantes Beispiel. Von dort hört man häufig: Unsere Schule ist zu groß, um wirklich etwas zu verändern, wir können nur in einzelnen Bereichen vorangehen. Die Bertha-von-Suttner-Schule beweist, dass auch ein großes System in Bewegung versetzt und konsequent auf pädagogische Qualität und Schulentwicklung ausgerichtet werden kann. 
 
Bei all den Konzepten und Strukturen stehen am Ende die Schüler:innen im Mittelpunkt. Wie würde es sich anfühlen, an dieser Schule zu lernen? 
Ich würde mich sicher sehr individuell wahrgenommen und begleitet fühlen. Wo stehe ich? Was sind meine Interessen? Wie kann ich meine Ziele erreichen? Mit diesen Fragen müsste ich mich immer wieder beschäftigen. Ich kann mir gut vorstellen, dass daraus eine hohe Identifikation mit der Schule entsteht. 
Gleichzeitig würde ich viel lernen und durchaus auch gefordert werden. Mein Wohlbefinden würde dabei aber nicht aus dem Blick geraten. Das ist für mich ein wichtiger Punkt: Wohlbefinden und Lernerfolg gehören an dieser Schule zusammen. Beides wird sehr ernst genommen. 

Zum Jurymitglied: Ralph Müller-Eiselt ist geschäftsführender Vorstand des Forums Bildung Digitalisierung.