Interview mit Jurymitglied Susann Gessner
Worauf waren Sie vor Ihrem Besuch am Georg-Christoph-Lichtenberg-Oberstufen-Gymnasium besonders gespannt?
Mich hat vor allem interessiert, wie die Schule mit ihrer besonderen Ausgangslage umgeht: Die Schüler:innen kommen erst in der elften Klasse an das Oberstufen-Gymnasium und haben zuvor ganz unterschiedliche Schulen und Schulformen besucht.
Sie in relativ kurzer Zeit zusammenzubringen und so zu unterrichten, dass sie erfolgreich zum Abitur geführt werden können, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Ich war gespannt, wie der Schule das gelingt. In dieser Hinsicht hat sie meine Erwartungen wirklich übertroffen.
Beim Deutschen Schulpreis steht die Qualität des Unterrichts im Mittelpunkt. Was hat Sie am Lichtenberg-Oberstufengymnasium in dieser Hinsicht überzeugt?
Während des Schulbesuchs haben wir im gesamten Kollegium und unter der Schülerschaft ein sehr hohes Commitment erlebt.
Im Unterricht selbst hat die Schule für ihre drei Jahrgänge ein übergreifendes Konzept entwickelt, das auf Eigenverantwortung setzt. Phasen, in denen die Schüler:innen selbstorganisiert und konzentriert in Kleingruppen arbeiten, wechseln sich mit gemeinsamen Instruktionsphasen ab. Diese Arbeitsweise wird bereits in der elften Klasse strukturiert eingeführt und zieht sich über alle Fächer hinweg. Die Freiräume, die die Jugendlichen erhalten, schöpfen sie aus und organisieren ihr Lernen.
Das ist für mich ein wesentliches Qualitätsmerkmal: Die Schule stärkt Eigenverantwortung und selbstorganisiertes Lernen, ohne den Leistungsanspruch zu senken. Sie hat einen guten Weg gefunden, die individuellen Entwicklungsprozesse der Schüler:innen mit einem Bildungsanspruch zu verbinden.
Was zeichnet die Unterrichtsqualität am Lichtenberg-Oberstufengymnasium darüber hinaus aus?
Wichtig finde ich den hohen fachlichen Anspruch. Das Ziel der Schule ist es, die Jugendlichen zum Abitur zu führen, und dafür braucht es bestimmte Standards. Die Schule senkt diese angesichts der unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler:innen nicht ab. Sie schafft vielmehr die Bedingungen dafür, dass die jungen Menschen in anspruchsvolle fachliche Auseinandersetzungen einsteigen können.
Zu Beginn haben Sie beschrieben, vor welcher anspruchsvollen Aufgabe die Schule steht: Jugendliche mit ganz unterschiedlichen Schulbiografien zusammenzubringen. Wie gelingt ihr das?
In der elften Klasse kommen Jugendliche aus unterschiedlichen Schulen, Schulformen und Schulsystemen zusammen. Die Schule hat dafür eine bewusst gestaltete Einführungsphase entwickelt. Man könnte sie als eine Art Onboarding bezeichnen. Dabei geht es zunächst darum, dass die Jugendlichen als Gruppe und als Jahrgang zusammenfinden. Aber das Onboarding ist nicht nur sozial. Es geht genauso darum, fachlich in der Oberstufe anzukommen, sinnvolle Lernstrategien zu entwickeln, sich auf wissenschaftspropädeutisches Arbeiten vorzubereiten und Herausforderungen mit mehr Selbstvertrauen anzugehen.
Ein Beispiel ist „Go and Grow“ im Englischunterricht. Dort geht es neben klassischen Lehrplanthemen auch um Fragen, die die Jugendlichen in ihrer Entwicklung beschäftigen: Welche Lernstrategien helfen mir? Wie kann ich mich weiterentwickeln? So verbindet die Schule fachliches Lernen mit entwicklungspsychologischen Aufgaben.
Die Jury lobt, wie systematisch die Schule Lernstände erfasst und daraus verbindliche Fördermaßnahmen ableitet. Wie geht sie dabei vor?
In der elften Klasse nutzt die Schule beispielsweise gemeinsame Klausuren und Lernstandserhebungen, um systematisch zu schauen: Wo stehen die Schüler:innen? In welchen Bereichen liegen Potenziale und wo wird intensivere Begleitung benötigt?
Aus diesen Erkenntnissen werden gezielte Maßnahmen abgeleitet. Das können Angebote für Deutsch als Zweitsprache sein, zusätzliche Förderung in Mathematik oder auch das Tandemprojekt: Schüler:innen aus den Jahrgangsstufen 12 und 13, die in einem Fach besonders stark sind, unterstützen Jugendliche aus der elften Klasse. Eine Schülerin berichtet, wie sehr sie als „Lehrende“ selbst davon profitiert.
So nutzt die Schule Datenerhebungen gezielt, um Bedarfe zu erkennen und passende Angebote zu machen. Ziel ist es, eine gemeinsame Grundlage für erfolgreiches Lernen in der Oberstufe zu schaffen.
Woran lässt sich erkennen, dass diese Förderung und die weiteren Konzepte der Schule Wirkung zeigen?
Ganz übergeordnet zeigt sich das an den Bildungserfolgen der Schüler:innen. Rund 85 Prozent erreichen einen höheren Schulabschluss, als ihnen nach der vierten Klasse prognostiziert wurde. Die Schule schafft es also, viele junge Menschen erfolgreich zum Abitur zu führen, für die dieser Bildungsweg ursprünglich gar nicht vorgesehen war. Daran lässt sich sehr deutlich ablesen, was die Schule pädagogisch und fachlich leistet.
Gab es eine Begegnung während des Schulbesuchs, die Ihnen besonders in Erinnerung bleiben wird?
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Jugendlicher, der mit seiner Familie aus Mazedonien nach Deutschland gekommen ist und einen Mathematik-Leistungskurs besucht. Er hat erzählt, wie viele neue Horizonte ihm die Schule eröffnet, beispielsweise durch kulturelle Angebote, von denen er vorher gar nicht wusste, dass sie ihn interessieren.
Mich hat sehr berührt, mit welcher Wertschätzung die jungen Menschen über ihre Schule und ihre Lehrkräfte gesprochen haben. Die Erfahrung, gesehen zu werden und neue Möglichkeiten eröffnet zu bekommen, wirkt sich aus meiner Sicht auf ihre Lernmotivation und das Zutrauen in sich selbst aus.
Wie ist die Bereitschaft zur Veränderung in der Schule entstanden? Gab es dafür einen entscheidenden Impuls?
Vor einigen Jahren gab es an der Schule eine Phase, in der sie keinen besonders guten Ruf hatte und als eine Art Auffangbecken wahrgenommen wurde. Das hat offenbar bei den Lehrkräften ebenso wie bei den Schüler:innen für große Unzufriedenheit gesorgt.
An diesem Tiefpunkt entstand der Impuls: Wir müssen grundsätzlich etwas verändern. Die Schule begann, bewusst auf die jungen Menschen zu schauen: Was brauchen sie? Was können wir anders machen? Und was ist eigentlich das Besondere an unserer Schule und unseren Schüler:innen?
Das war kein Wandel von heute auf morgen, sondern ein längerer Schulentwicklungsprozess. Bemerkenswert finde ich, dass dieser Prozess nicht von einer einzelnen Person abhängt. Das Schulleitungsteam arbeitet zusammen und trägt eine gemeinsame Idee von Schule.
Zum Abschluss: Warum hat das Lichtenberg-Oberstufengymnasium einen Preis verdient?
Diese Schule hat einen Preis verdient, weil sie es auf überzeugende Weise schafft, jungen Menschen – mit unterschiedlichsten Voraussetzungen – zusammenzubringen. Sie begegnet ihren Schüler:innen mit Offenheit und Empathie und ermöglicht ihnen anspruchsvolle Bildung.
Die Schüler:innen können in drei Jahren nicht nur fachlich sehr viel lernen und das Abitur erreichen. Sie lernen auch viel über sich selbst, entdecken eigene Interessen und Fähigkeiten und entwickeln Vertrauen in sich. Genau das gelingt dieser Schule hervorragend.
Zum Jurymitglied: Susann Gessner ist Professorin für Didaktik der politischen Bildung an der Philipps-Universität Marburg.