Jurymitglied Angelika Wolters erklärt, warum die Staatliche Grundschule Tannroda mit dem Deutschen Schulpreis 2026 ausgezeichnet wird.  
 
Sie haben die Staatliche Grundschule Tannroda besucht. Was für eine Schule haben Sie dort kennengelernt? 
Zunächst einmal habe ich räumliche Bedingungen erlebt, die es einer Schule mit einem innovativen Lernkonzept nicht unbedingt leicht machen. Es ist eine Minigrundschule mit eher begrenzten Räumen und einer Ausstattung, bei der vieles in Eigeninitiative und gemeinsam mit den Eltern gestaltet wurde. 
Umso mehr hat mich beeindruckt, wie liebevoll die Schule gestaltet ist und wie stark die Schulgemeinschaft an einem Strang zieht, um Schule anders zu machen und einen Ort zu schaffen, an dem sich die Kinder wohlfühlen können. 
Die Schule selbst sagt: „Lernen macht Spaß.“ Das würde ich vielleicht etwas differenzierter formulieren, denn dahinter steckt für mich viel mehr. Es ist eine klare pädagogische Haltung: Lernen möglichst ohne Druck zu organisieren und Kinder so zu fördern, dass sie sich etwas zutrauen, Leistung zeigen können und keine Angst davor haben, Fehler zu machen. Genau diese Haltung war vor Ort deutlich zu spüren. 
 
Wie setzt die Schule diese Haltung im Schulalltag um? 
Die Kinder finden in allen Räumen ähnlich gestaltete Lernumgebungen vor und können sich deshalb auch gut orientieren, wenn sie einmal in einem anderen Raum lernen. Es gibt feste Rituale für den Tagesablauf, vieles ist transparent und visualisiert. Dazu kommt eine Lehrkraft als Lernbegleitung, die den Kindern Struktur gibt. 
Innerhalb dieses klaren Rahmens haben sie gleichzeitig viele Möglichkeiten, ihr Lernen selbst zu organisieren. In bestimmten Phasen können sie zum Beispiel ihren Lernort wählen: am Tisch, in einer Sitzecke, auf dem Boden oder gemeinsam mit anderen Kindern. 
Die Grundlage ist ein großes Vertrauen in die Kinder und ihre Fähigkeit zur Selbstorganisation. Die Schule gibt ihnen nicht einfach möglichst viele Freiheiten, sondern schafft Strukturen, innerhalb derer sie lernen, gute Entscheidungen für das eigene Lernen zu treffen. 
 
Die Jury lobt das Bewegungs- und Gesundheitskonzept der Schule. Wie zeigt sich das im Schulalltag? 
Die Schule nimmt das Bewegungsbedürfnis der Kinder sehr ernst. Bewegung ist deshalb an vielen Stellen in den Tag integriert – durch unterschiedliche Lernphasen, gemeinsame Bewegungsformen und natürlich in den Pausen. 
Besonders schön fand ich die sogenannte „Flitze-Pause“. Wenn ein Kind merkt: Ich sitze schon zu lange, ich brauche gerade Bewegung oder frische Luft, kann es eine Runde über den Schulhof flitzen und anschließend wieder in die Lerngruppe zurückkehren. Daneben gibt es zum Beispiel Kneippangebote oder körperliche Übungen, die die Kinder selbstständig machen können. 
 
Bewegung und Selbstorganisation können Druck aus dem Lernen nehmen. Was trägt darüber hinaus dazu bei, dass die Kinder möglichst angstfrei lernen können? 
Eine wichtige Rolle spielt die Beziehungsarbeit. Das Lernen ist stark auf die Klassenlehrpersonen ausgerichtet, und der Tag beginnt mit einem Morgenkreis. Dort geht es nicht nur darum, was ansteht, sondern auch darum, wie es den Kindern aktuell geht und was sie gerade beschäftigt. 
Gleichzeitig gibt es sehr klare und verlässliche Strukturen. Die Kinder wissen, wie ihr Tag abläuft und was von ihnen erwartet wird. Beim täglichen Training arbeiten sie beispielsweise mit individuell vorbereiteten Aufgaben. Sie holen sich ihren Plan und ihre Sanduhr und arbeiten in ihrem eigenen Tempo. Dabei ist für die anderen Kinder gar nicht unbedingt sichtbar, wer gerade welche Aufgaben und welches Anforderungsniveau bearbeitet. 
Ich finde das sehr gelungen: Leistungsdifferenzierung findet statt, ohne die Unterschiede zwischen den Kindern herauszustellen. Gerade beim individuellen Üben und Festigen gelingt es der Schule sehr gut, unterschiedliche Lernbedarfe strukturiert aufzugreifen. 
 
Was zeichnet das Lernen an der Staatlichen Grundschule Tannroda darüber hinaus aus? 
Eine Stärke ist für mich zunächst, dass die Schule auf Grundlage des Thüringer Lehrplans ein eigenes Lernkonzept entwickelt hat. Dieses Konzept wird über das Schuljahr hinweg mit konkreten Projekten gefüllt, die fachliches Lernen mit Themen verbinden, von denen das Kollegium überzeugt ist, dass sie die Kinder ansprechen. 
Gleichzeitig gibt es neben gemeinsamen Input-Phasen viel Zeit, in der die Schüler:innen allein, zu zweit oder in Gruppen arbeiten. Wir haben tatsächlich erlebt, dass die Kinder sehr konzentriert an unterschiedlichen Aufgaben und an unterschiedlichen Lernorten gearbeitet haben – und das in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen. 
 
Die Jury hebt außerdem den „klugen Mix aus Selbst- und Fremdreflexion“ hervor. Wie sieht der konkret aus? 
Ein gutes Beispiel ist das Logbuch. Darin reflektieren die Schüler:innen regelmäßig ihr eigenes Lernen: Wie viel habe ich in dieser Woche gelesen? Was habe ich erledigt? Womit habe ich angefangen? Da sie bei bestimmten Aufgaben selbst über die Reihenfolge entscheiden können, müssen sie ihr Lernen auch selbst im Blick behalten und dokumentieren. 
Gleichzeitig erhalten sie Rückmeldungen der Lehrkräfte zu dem, was sie bearbeitet und geleistet haben. So verbindet die Schule die eigene Reflexion der Kinder mit einer Rückmeldung von außen.  
 
Vieles von dem, was die Schule auszeichnet, ist über Jahre gewachsen. Wie hat sich die Staatliche Grundschule Tannroda zu der Schule entwickelt, die sie heute ist? 
Die Schule hat sich vor ungefähr 15 Jahren auf den Weg gemacht. Damals entstand offenbar die Erkenntnis: So, wie wir Schule bisher organisiert und vielleicht auch selbst einmal gelernt haben, funktioniert es für uns nicht mehr. Daraus entwickelte sich der Anspruch, Schule grundsätzlich anders zu gestalten. 
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Schulleiterin. Sie bringt eine klare Vision, viel Know-how und die nötige Energie mit, um Veränderungen anzustoßen und Menschen dafür zu gewinnen. Man muss schon sagen, dass der Entwicklungsprozess dieser Schule stark mit ihrer Person verbunden ist. 
Gleichzeitig trifft sie auf ein kleines, überwiegend junges Kollegium, das diesen Weg mitgeht und gemeinsam mit ihr weiterentwickelt. 
 
Ein wichtiger Schritt in dieser Entwicklung war der Abschied von den Noten. Was hat die Schule dabei geleistet? 
Vor allem in den vergangenen fünf Jahren hat sich die Schule intensiv damit beschäftigt, Lernen anders zu organisieren und neue Formen der Leistungsrückmeldung zu entwickeln – darunter das sogenannte Pflanzenwachstumskonzept. Heute ist sie eine von nur zwei Schulen in Thüringen, die ohne Noten arbeitet. Für eine so kleine Schule im ländlichen Raum ist das aus meiner Sicht eine große Leistung. 
Die Schule hat dafür ein eigenes Konzept entwickelt, es gegenüber dem Ministerium vertreten und gemeinsam mit den Eltern einen intensiven Entwicklungsprozess gestaltet. Einzelne Familien haben dabei auch entschieden, dass dieses Konzept nicht zu ihnen passt, und eine andere Schule gewählt. Auch das gehört dazu. 

Eine solche Entwicklung muss ein kleines Kollegium erst einmal stemmen. Welche Rolle spielt dabei die Teamarbeit? 
Gerade hier brilliert die Schule aus meiner Sicht. Das Kollegium arbeitet sehr eng und regelmäßig zusammen. Die Lehrkräfte treffen sich wöchentlich und stimmen sich auf unterschiedlichen Ebenen ab: als gesamtes Schulteam, in den jahrgangsübergreifenden Teams für die Klassen 1 und 2 beziehungsweise 3 und 4 und in Entwicklungsteams.  
Wie intensiv diese Zusammenarbeit ist, zeigt sich auch an der Fülle der selbst entwickelten Materialien – vom Logbuch bis zu den individuellen Wochenplänen. Gleichzeitig ist das Kollegium beweglich und experimentierfreudig und probiert immer wieder neue Formen des Lernens aus. Gerade für eine kleine Schule ist das bemerkenswert.  

Wie ist die Staatliche Grundschule über die Schulgemeinschaft hinaus mit ihrem Umfeld verbunden? 
Ihre starke regionale Einbettung ist besonders. Die Schule schaut sehr genau: Was haben wir hier vor Ort, und wie können wir das für das Lernen der Kinder nutzen? 
Ein schönes Beispiel ist die Zusammenarbeit mit dem benachbarten Altenheim. Jeden Freitag besucht eine Lerngruppe die Einrichtung. Die Kinder lesen dort etwas vor, tragen etwas vor oder gratulieren Bewohnerinnen und Bewohnern zum Geburtstag. Dabei verbinden sich fachliches und soziales Lernen ganz selbstverständlich. 
Auch Schule und Hort arbeiten sehr eng zusammen und verstehen sich als gemeinsamer Lern- und Lebensort. Gerade bei kleinen Schulen ist diese Verzahnung keineswegs selbstverständlich. Die Schule macht für mich sehr überzeugend deutlich, welches Potenzial eine kleine Grundschule für ihren Ort und ihre Region haben kann. 
 
Was können andere Schulen von der Staatlichen Grundschule Tannroda lernen? 
Vor allem für andere kleine Grundschulen ist sie ein spannendes Beispiel. Sie beweist, dass Schulentwicklung auch mit wenig Personal möglich ist, wenn es klare Strukturen, konsequente Teamarbeit und den gemeinsamen Willen zur Veränderung gibt. 
Man kann hier sehen, wie Lernen ohne Noten funktionieren kann, wie sich selbstorganisierte Lernformen verlässlich in den Schulalltag integrieren lassen und wie tägliches Training, Grundlagenunterricht und Projektlernen zusammenspielen. Auch die einheitliche Gestaltung der Lernräume und Lernaufgaben gibt den Kindern viel Orientierung und Sicherheit. 
 
Zum Jurymitglied: Dr. Angelika Wolters ist Referentin für Grund- und Förderschulen beim Landesschulamt Sachsen-Anhalt.