Jurymitglied Carola Gnadt erklärt, warum die Stadtteilschule Wilhelmsburg in Hamburg  mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wird.

Die Stadtteilschule Wilhelmsburg erhält 2026 den Preis der Jury, weil … 
… sie sich konsequent für Bildungsgerechtigkeit einsetzt, ihre Schüler:innen individuell begleitet und sie auf ein selbstbestimmtes Leben vorbereitet. 
 
Welchen Beitrag leistet die Schule zu mehr Bildungsgerechtigkeit? 
Die Schule verfolgt konsequent das Ziel, jedes Kind unabhängig von seiner Herkunft und seinem sozialen Hintergrund bestmöglich zu fördern. Dafür bezieht sie die Familien eng ein und öffnet sich bewusst für den Stadtteil. 
Dieser Ansatz wirkt auch nach außen. Die Schule berichtet davon, dass sich immer mehr Familien um einen Schulplatz für ihre Kinder bewerben und dass darunter Familien mit sehr unterschiedlichen sozialen Hintergründen sind. Dadurch verändert sich auch die Zusammensetzung der Schülerschaft. 
Diese soziale Durchmischung halte ich für sehr wertvoll. Kinder und Jugendliche begegnen hier Menschen außerhalb ihrer eigenen sozialen Lebenswelt und erleben zugleich, dass sie zu einer Gemeinschaft gehören, in der unterschiedliche Stärken und Voraussetzungen selbstverständlich sind. 
 
Was hat Sie persönlich an der Stadtteilschule Wilhelmsburg beeindruckt? 
Mich hat vor allem die Haltung beeindruckt, die die gesamte Schule prägt: Sie schaut konsequent auf die Stärken ihrer Schüler:innen und schafft eine Atmosphäre, in der junge Menschen angenommen werden und sich entwickeln können. 
 
Wie wird diese Haltung im Schulalltag sichtbar? 
Das beginnt schon bei der Sprache. Mehr als 80 Prozent der Schüler:innen wachsen zweisprachig auf. Die Schule spricht aber nicht von einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, sondern ganz bewusst von Zweisprachigkeit. Darin zeigt sich bereits der ressourcenorientierte Blick: Unterschiedliche Voraussetzungen werden nicht zuerst als Defizit betrachtet, sondern als Stärke. 
Diese Haltung haben wir auch im Unterricht erlebt. Trotz der Größe der Schule mit mehr als 1.200 Schüler:innen herrschte eine erstaunlich ruhige und konzentrierte Lernatmosphäre. Die Jugendlichen arbeiteten selbstständig, allein, zu zweit oder in Gruppen, in den Klassenräumen und auf den sogenannten Marktplätzen. 
Sehr anschaulich wird die Potenzialorientierung der Schule im Starter-System. Alle beginnen als „Starter“. Wer zunehmend selbstständig arbeitet und beispielsweise durch Pünktlichkeit oder Anstrengungsbereitschaft Verantwortung übernimmt, kann zum „Durchstarter“ werden und zusätzliche Freiräume nutzen. Wer bei der Einhaltung von Regeln oder der Organisation des eigenen Lernens mehr Unterstützung benötigt, wird zum „Neustarter“ und enger begleitet. Die Einteilung orientiert sich also vor allem am Lernverhalten, nicht am individuellen Lernfortschritt. Auch hier lautet die Botschaft nicht: Du hast versagt. Sondern: Du bekommst die Unterstützung, die du gerade brauchst.  
 
Die Jury beschreibt die Stadtteilschule Wilhelmsburg als einen geschützten Raum, der gleichzeitig sehr offen ist. Was ist damit konkret gemeint? 
Die Schule bietet den Kindern und Jugendlichen einen geschützten Lernraum, ist aber keineswegs ein abgeschlossenes System. Sie öffnet sich sehr stark für Eltern, Kooperationspartner und den Stadtteil. Deshalb sind dort auch viele Erwachsene präsent, die selbstverständlich zum Schulalltag gehören. 
Eine kleine Szene ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Im Speiseraum saß ein Schüler noch am Tisch, obwohl der Unterricht bereits begonnen hatte. Eine Mutter, die dort mithalf, ging zu ihm. Sie hat ihn nicht zurechtgewiesen, sondern ihm den Arm um die Schulter gelegt und offenbar erst einmal gefragt, ob alles in Ordnung ist. Kurz darauf ging der Schüler von selbst in den Unterricht. 
Für mich war das beispielhaft für die Grundhaltung der Schule: erst einmal hinschauen, was ein junger Mensch gerade braucht, statt ihn vorschnell zu sanktionieren. Diese Zugewandtheit haben wir an vielen Stellen erlebt. 
 
Sie haben die starke Einbindung der Eltern bereits angesprochen. Welche Rolle spielen sie in der Schulgemeinschaft? 
In unserem Gespräch wurde deutlich, wie stark die Verbundenheit der Eltern mit der Schule ist. Der Tenor war immer wieder: Unsere Kinder werden hier gesehen und angenommen. Ihnen wird nicht ständig vorgehalten, was sie nicht können, sondern es wird geschaut, wie sie sich weiterentwickeln können. 
Dabei bleibt es nicht bei klassischen Elternabenden. Eltern können beispielsweise schon in der Vorschule und in der 1. Klasse miterleben, wie ihre Kinder die deutsche Sprache, Lesen und Schreiben lernen, und bekommen dadurch eine Vorstellung davon, wie sie sie auch zu Hause unterstützen können. 
Außerdem hat die Schule Elternmentor:innen ausgebildet, die andere Familien unterstützen – etwa bei sprachlichen Hürden oder wenn Entscheidungen anstehen. Dazu kommt ein Elterncafé als Ort für Austausch und gegenseitige Unterstützung. 
Darin wird sehr deutlich, was diese Schule ausmacht: ein wertschätzendes und vertrauensvolles Miteinander, in dem Schüler:innen, Eltern und Mitarbeitende ernst genommen werden und eine Stimme haben. Demokratie wird hier nicht nur vermittelt, sondern ganz selbstverständlich gelebt. 
 
Ein zentraler Bestandteil des Lernkonzeptes der Schule ist das wöchentliche Coaching. Wie funktioniert das? 
Tatsächlich bekommt jedes Kind jede Woche ein Coaching. Vor Ort haben wir gesehen, dass das sehr systematisch organisiert ist. Die Lehrkräfte schauen gemeinsam mit den Schüler:innen darauf, was sie geschafft haben, wo sie stehen und was als Nächstes ansteht. Dabei werden auch Daten zum Lernfortschritt genutzt. Das Coaching bleibt aber nicht bei der fachlichen Leistung stehen. Es geht genauso um Fragen wie: Wie geht es dir? Was beschäftigt dich zu Hause? Brauchst du Unterstützung, vielleicht auch durch die Schulsozialarbeit? 
Dadurch kennen die Lehrkräfte ihre Schüler:innen sehr gut. Hier zeigt sich der Anspruch der Schule, jedes Kind zu sehen und individuell zu begleiten. 
 
Welche Begegnung vom Schulbesuch wird Ihnen in Erinnerung bleiben? 
Wir haben mit einer ehemaligen Schülerin gesprochen, die eigentlich nur mitgekommen war, um ihre Mutter sprachlich zu unterstützen, weil noch Geschwister von ihr die Schule besuchen. 
Im Laufe des Gesprächs begann sie selbst zu erzählen, wie sie ihre Zeit an der Schule erlebt hat, welchen Weg sie danach gegangen ist und dass sie inzwischen ihr Abitur gemacht hat. Sie war unglaublich stolz auf das, was sie erreicht hat. Gleichzeitig war es sehr berührend zu erleben, wie ihre Mutter neben ihr darauf reagiert hat. 
Für mich hat sich in diesem Moment vieles von dem verdichtet, was wir zuvor über die Schule gehört und dort erlebt hatten. Da war eine junge Frau, die längst nicht mehr Schülerin dieser Schule ist und sich ihr trotzdem noch so verbunden fühlt, dass sie erzählen möchte, was dieser Ort für ihren eigenen Weg bedeutet hat. 
 
Zum Jurymitglied: Dr. Carola Gnadt ist Referatsleiterin für Lehrerbildung am Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg und ehemalige Schulleiterin des Humboldt-Gymnasiums Potsdam (Preisträger 2016).