Porträt

Die Schülerin steht schon eine Weile in der Tür des Sekretariats. Was macht sie hier? „Ich wollte nur mal Hallo sagen,“ erklärt sie. „Ich vermisse die Schule.“  Im Hintergrund eilt Schulleiter Peter Friedsam durch den Raum, kramt irgendwas zusammen, er muss los. Als er die ehemalige Schülerin hört, bleibt er kurz stehen und freut sich. Nicht nur, weil sie vor sechs Monaten ihren Abschluss gemacht hat und eine Lehrstelle hat. Er fühlt sich bestätigt, er sagt: „Hier will eben keiner weg.“

Den meisten Ehemaligen geht es ähnlich. Denn die 1977 gegründete Ganztagsschule Carl- von- Linné in Berlin- Lichtenberg ist mit 470 Schülern nicht nur  die größte Schule für behinderte Kinder in Europa, sondern unterrichtet auch als einzige sonderpädagogische Institution nach dem Prinzip der Gesamtschule. Eine schwere Aufgabe bei  Schülern  mit Querschnittslähmung oder offenem Rücken, bei Kindern, die an Legasthenie, Epilepsie oder Diabetes leiden. Oder gar an  schweren Herzfehlern, „Da muss immer eine Begleitperson bereitstehen, die bei einem Anfall sofort eine Spritze setzen kann, sonst sterben sie,“ erklärt Friedsam. Umso erstaunlicher, dass jeder seiner Schüler einen Abschluss. macht. „Manche Leute halten uns für chaotisch, aber wir haben einen roten Faden: den Schulabschluss.“

Auch Carolin* aus der siebten Klasse wird ihn schaffen. Sie steht mit ihrem Rollstuhl vor einer Tafel voller Tiersymbole und Buchstaben. An ihrem Stuhl ist ein Computer angebracht, der der Schülerin mit Sprachfehler helfen soll, sich auszudrücken. „Stell dir vor, der Motor deines Stuhls ist kaputt,“ sagt Lehrer Frank Bühling. „Was machst du?“ Carolin wackelt hin und her, schlägt mit den Fingern auf die Tastatur und sagt etwas Unverständliches, aber ihr Lehrer versteht, dass sie „schieben“ gesagt hat.“

„Fast geschafft“ sagt er, aber eines noch: „Bilde mal einen Satz mit ’schieben.“ Carolin drückt auf der Tastatur herum, Buchstabenfolgen gleiten über den Monitor, der Computer besitzt ein Programm, das  nach dem passenden Wort sucht. Von allen acht Rollstuhlfahrern, die an dem Sprachcomputer ausgebildet werden, ist Carolin eine der schnellsten. „Kannst du mich schieben?“ steht schließlich auf dem Bildschirm.

Mittlerweile ist Peter Friedsam zurück in seinem Büro. Er reibt sich die Hände, so, jetzt hat er kurz Zeit: „Ist doch Quatsch, wenn ein Kind nach der Schule den ganzen Tag im Rollstuhl sitzt und  aus dem Fenster sieht. Wie soll man denn da selbstbewusst werden?“ Lernen funktioniere  durch Emotionalität, davon ist er überzeugt, aber will man in Lichtenberg, Storkower Straße, östliches Ostberlin, wirklich emotional sein?

Plattenbauten bestimmen die Szene. Die Schule sieht aus wie aus einem Baukasten zusammengesteckt, irgendwann, so scheint es, hatte der Bauherr keine passenden Komponenten mehr und hat einfach andere benutzt. „Hm“ macht Friedsam, aus dem Fenster sehend, „deswegen gehen unsere Schüler oft auf Reisen.“

Jedes Jahr gibt es Sommercamps und Klassenfahrten. Im nächsten Sommer wird die Schule einen Surfkurs anbieten. Vor Jahren gab es ein EU- Programm, bei der die Lehrer nach Brüssel eingeladen wurden: „Wir haben die Schüler einfach mitgenommen,“ sagt Friedsam. „Wir stärken das Ich, indem wir mit den Schülern so oft es geht Sachen außerhalb der Schule machen.“  Als  einzige Schule für Körperbehinderte beteiligt sich seine Anstalt an  landesweiten Vergleichstests. Dabei werden den Schülern in einer Art Klausur eine Reihe von Aufgaben in Fächern wie Deutsch, Mathe und Englisch vorgelegt. „Das traut sich sonst keine Sonderschule“ sagt Friedmann und freut sich dass seine Schüler besonders bei Englischtests regelmäßig besser abschneiden als nicht behinderte Schüler.

Nsimba, acht Jahre alt, zwei Zöpfe baumeln an ihrem Kopf, sehr gut in Mathe und Deutsch, aufgeweckt und redegewandt, hat Sichelzellenanämie, eine Blutkrankheit, die in schweren Fällen zu Organschäden führen kann.

Sie steht im Musikraum und hüpft auf der Stelle. Hier gibt’s keine Stühle, hier wird Wert auf Bewegung gelegt. Hampelmann, Boxen, sich im Kreis drehen, Knie vor die Brust, das klappt bei den Meisten ganz gut, Nsimba hat damit ohnehin keine Probleme. Eigentlich hat sie, von ihrer unsichtbaren Erkrankung abgesehen, überhaupt keine Probleme. „Die wird es weit bringen,“ sagt Hella Schulze, ihre Klassenlehrerin. Gäbe es da nicht ein außerschulisches Dilemma: Nsimba kommt aus Angola, ihre Eltern sind  verschollen, sie lebt bei einer Pflegefamilie. Plötzlich sind Leute aufgetaucht, die behaupten Verwandte zu sein, sie wollen das Mädchen zu sich holen, haben einen Anwalt, sogar einen Pfarrer eingeschaltet. Sind sie wirklich Verwandte? Der Beweis fehlt. Ist das im Sinne des Mädchens? Die Schule glaubt es nicht, interveniert beim Jugendamt und bekommt Recht. Das Mädchen bleibt wo es ist.

„Und das ist noch ein leichter Fall,“ sagt Friedsam. Oft sind Eltern mit ihren behinderten Kindern überfordert, dann muss die Schule einspringen. Das Angebot ist vielfältig. In einfachen Fällen reicht  es, Kontakte zu Behörden oder Hilfsangeboten herzustellen oder den Eltern einfach zuzuhören. Vierzig so genannte ambulante Lehrer gehen zu den Kindern nach Hause und geben Tipps, wie Eltern zum Beispiel die Wohnung behindertengerecht gestalten können.

„Stimmt schon, wir sind eine Schule,“ sagt Peter Friedsam, zum ersten Mal sitzt er ruhig in seinem Sessel.  „Aber wir machen mehr als Schule. Wir machen lebensfähig.“

Philipp Kohlhöfe

* alle Schülernamen von der Redaktion geändert