Interview mit Jurymitglied Julia Gillen
Jurymitglied Julia Gillen erklärt, warum die Ferdinand-von-Steinbeis-Schule mit dem Deutschen Schulpreis 2026 ausgezeichnet wird.
Was hat Sie beim Schulbesuch überrascht?
Gerade bei Berufsschulen im ländlichen Raum habe ich häufig erlebt, dass die Rahmenbedingungen und die Ausstattung trotz sehr guter pädagogischer Arbeit herausfordernd sein können. Hier zeigte sich ein ganz anderes Bild. Das Schulgebäude ist gut ausgestattet und bietet viele Möglichkeiten für unterschiedliche Formen des Lernens. Gleichzeitig war schnell eine positive und offene Schulkultur spürbar. Die Schüler:innen arbeiteten ganz selbstverständlich auch außerhalb der Klassenräume, in Kleingruppen und an eigens dafür vorgesehenen Plätzen. Die Schule wirkte auf mich modern, lebendig und sehr stimmig.
Die Jury beschreibt die Ferdinand-von-Steinbeis-Schule als innovationsstarke Berufsschule. Wie zeigt sich diese Innovationskraft?
Das zeigt sich zum Beispiel daran, wie die Lehrkräfte gemeinsam an der Schulentwicklung arbeiten. Unser zentraler Raum während des Schulbesuchs war eine ehemalige Bibliothek oder Medienwerkstatt mit einer großen Glasfront. Dort standen Metaplanwände mit den Themen, an denen das Kollegium gerade arbeitet. Die Lehrkräfte kommen hier regelmäßig zusammen, manchmal zu Klausurtagungen, manchmal für zweistündige Reflexionssitzungen. Im Raum konnte man sehen, welche Themen sie gemeinsam bearbeiten, welche sie sich als Nächstes vornehmen und wie verschiedene Gruppen daran arbeiten. Dadurch wurde sehr konkret spürbar, wie kollegial und kontinuierlich Schulentwicklung an dieser Schule stattfindet.
Wie setzt sich dieser innovative Ansatz im Unterricht fort?
Die Schule ist gewerblich-technisch ausgerichtet und bildet unter anderem in Metall-, Elektro- und medizintechnischen Berufen aus. Überzeugend sind die technischen Lernräume, die in enger Zusammenarbeit mit der Wirtschaft ausgestattet werden. Dort entstehen beispielsweise kleine Produktionsstraßen, an denen die Schüler:innen unter realitätsnahen Bedingungen ausgebildet werden. Gleichzeitig nutzt die Schule diese Infrastruktur für die Fortbildung von Fachkräften. Sie übernimmt damit auch die Funktion eines Kompetenzzentrums für berufliche Bildung. Diese enge Verzahnung mit der Wirtschaft und die gemeinsame Investition in zeitgemäße Lernumgebungen ist aus meiner Sicht sehr innovativ.
Was haben Sie beim Schulbesuch darüber erfahren, was die Schüler:innen an ihrer Schule schätzen?
Bei den Auszubildenden haben wir einen großen Stolz auf ihre Schule wahrgenommen. Das gilt besonders für den Bereich Medizintechnik, für den die Schule ein bundesweit einzigartiges Ausbildungsangebot hat. Die Schüler:innen, die aus ganz Deutschland dafür nach Tuttlingen kommen, erleben, dass das, was sie in der Schule lernen, sehr nah an ihrer beruflichen Praxis ist und auf einem hohen technischen Niveau stattfindet.
Bei den angehenden Techniker:innen stand ein anderer Aspekt im Vordergrund. Sie haben vor allem hervorgehoben, wie selbstständig sie lernen und eigene Projekte umsetzen können. Viele haben bereits eine Ausbildung abgeschlossen und entsprechende berufliche Erfahrungen. Sie schätzen es sehr, als eigenverantwortlich Lernende ernst genommen zu werden und ihren Lernprozess selbst mitgestalten zu können.
Rund 1.300 Schüler:innen besuchen die Ferdinand-von-Steinbeis-Schule. Die Jury hebt die gelebte Beziehungskultur und die hohe Lernendenorientierung hervor. Wie gelingt das bei einer Schule dieser Größe?
Das gestaltet sich je nach Bildungsgang unterschiedlich. In den berufsvorbereitenden Klassen arbeiten die Lehrkräfte sehr intensiv und kontinuierlich mit den Schüler:innen zusammen. Sie kennen die Einzelnen, sprechen sie gezielt an und wissen, wo sie gerade in ihrem Lernprozess stehen. Dabei war ein großes Verantwortungsbewusstsein für die weitere Bildungsbiografie der jungen Menschen spürbar. Die Lehrkräfte wissen, dass sie mit ihrer Arbeit entscheidend dazu beitragen können, den Schüler:innen den Übergang in eine Ausbildung zu ermöglichen. Diese Haltung prägt die Beziehungen und sorgt außerdem für eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre.
In den Bildungsgängen mit älteren und berufserfahreneren Schüler:innen, etwa in der dualen Ausbildung oder an der Technikerschule, haben wir die Beziehungskultur anders erlebt. Dort arbeiten Lehrkräfte und Lernende stärker auf Augenhöhe zusammen. Sie verfolgen gemeinsam ein Ziel, setzen Projekte um und übernehmen dabei jeweils Verantwortung für ihre Aufgaben. Das hatte viel von einer Zusammenarbeit in einem guten Team.
Wie fühlt es sich an, Schüler:in an dieser Schule zu sein?
Das war in unserem Gespräch mit den Schüler:innen sehr beeindruckend. Einige haben erzählt, dass dies die erste Schule in ihrer bisherigen Schulbiografie sei, an der sie sich wirklich ernst genommen fühlten und das Gefühl hätten, sich entwickeln zu können. Gerade bei jungen Menschen, die bereits herausfordernde Bildungsbiografien hinter sich haben, scheint es der Schule zu gelingen, ein neues Verhältnis zum Lernen zu ermöglichen. Sie erleben die Schule als einen Ort, an dem ihnen etwas zugetraut wird und an dem ihre persönliche Entwicklung im Mittelpunkt steht.
Bemerkenswert fand ich, wie ähnlich die Schüler:innen darüber gesprochen haben, obwohl sie ganz unterschiedliche Bildungsgänge besuchen. Dieses Gefühl von Wertschätzung, Zutrauen und Ernstgenommenwerden scheint die verschiedenen Bereiche der Schule miteinander zu verbinden.
Was hat die Jury mit Blick auf die Unterrichtsqualität überzeugt?
Wir haben sehr unterschiedliche Unterrichtssituationen erlebt. Besonders stark fand ich die Phasen des selbstorganisierten Lernens. In den Werkstätten oder bei der Prüfungsvorbereitung haben die Schüler:innen sehr konzentriert allein oder zu zweit an ihren Aufgaben gearbeitet. Die Lehrkräfte waren ansprechbar, haben bei Bedarf unterstützt und die Lernenden anschließend wieder zusammengeführt, um Ergebnisse gemeinsam zu sichern.
Wir haben aber auch klassische Unterrichtssituationen gesehen, etwa ein von der Lehrkraft geführtes Unterrichtsgespräch. Auch dort war die Qualität hoch: Die Schüler:innen waren konzentriert bei der Sache, die Fragen waren so gestellt, dass sie sich gut beteiligen und ihre Gedanken einbringen konnten. Die Stärke liegt für mich deshalb vor allem darin, dass die Lehrkräfte unterschiedliche Lernformen sehr bewusst einsetzen. Sie schaffen Raum für selbstständiges Lernen, begleiten die Schüler:innen dabei verlässlich und führen die Lernprozesse immer wieder zu gemeinsamen Ergebnissen zusammen.
Selbstorganisiertes Lernen braucht klare Strukturen. Wie schafft die Schule diesen Rahmen?
Selbstorganisiertes Lernen funktioniert nur, wenn allen klar ist, welche Regeln gelten und welche Verantwortung sie selbst tragen. Das war an dieser Schule sehr spürbar. Die Schüler:innen wissen beispielsweise, wann sie für ihre Aufgaben den Klassenraum verlassen können, welche Räume sie nutzen dürfen und wie sie dort zusammenarbeiten.
Einige dieser Lernräume werden von den Schüler:innen selbst organisiert. Sie übernehmen Verantwortung dafür, dass die Räume funktionieren und ordentlich bleiben. Daran wird deutlich, dass die Schule ihnen Freiräume gibt und zugleich sehr klar vermittelt, welche Verantwortung damit verbunden ist.
Die Schule hatte sich bereits 2018 um den Deutschen Schulpreis beworben. Wie hat sie sich seitdem weiterentwickelt?
Die Ferdinand-von-Steinbeis-Schule hat in den vergangenen Jahren ihren Schul- und Unterrichtsentwicklungsprozess professionalisiert und feste Formate dafür geschaffen. Dazu gehören Klausurtagungen aber auch niedrigschwellige Formate wie das „Espressogespräch“, bei dem Themen kurzfristig mit der Schulleitung besprochen werden können.
Zugleich arbeitet die Schule heute stärker datenbasiert. Sie nutzt verfügbare Daten, vergleicht sich mit anderen Schulen und fragt systematisch, wo sie noch besser werden kann. Bemerkenswert ist dabei auch das hohe Tempo, mit dem sie Veränderungen umsetzt. Neue Ideen und Konzepte werden zügig in die Praxis gebracht, sodass Lehrkräfte und Schüler:innen die Veränderungen tatsächlich erleben können.
Zum Jurymitglied: Julia Gillen ist Professorin für Berufspädagogik mit dem Schwerpunkt Organisations- und Qualitätsentwicklung in der beruflichen Bildung an der Leibniz Universität Hannover.