Jurymitglied Christian Mellwig erklärt, warum die Hans-Leipelt-Schule mit dem Deutschen Schulpreis 2026 ausgezeichnet wird.
Die Jury lobt das Unterrichtskonzept „BOS Vision“. Was zeichnet dieses Konzept aus?
Der Ansatz besteht darin, dass es eigentlich keinen klassischen Stundenplan mehr gibt. Das pädagogische Konzept basiert auf vier Säulen: Instruktion, Coaching, Differenzierung und Feedback. Instruktion steht für eine kurze, maximal 20-minütige fachliche Inputphase. Jede Unterrichtsstunde ist damit ein Stück weit wie eine Vorlesung aufgebaut. Darauf folgt eine längere Phase, in der die Schüler:innen selbstorganisiert arbeiten. Coaching bedeutet, dass Fachlehrkräfte diesen Lernprozess begleiten und unterstützen, wenn Hilfe gebraucht wird. Differenzierung steht für Lernmaterial auf drei unterschiedlichen Niveaustufen, aus dem die Schüler:innen das für sie passende Material auswählen können. Feedback umfasst regelmäßige Rückmeldungen an die Schüler:innen zu ihrem Lernprozess und umgekehrt ihre Rückmeldungen zum Konzept. Ergänzt wird das durch eine Lernbegleitung, in der die Schüler:innen regelmäßig zurückmelden können, wo sie Probleme haben und Unterstützung benötigen.
Wie haben Sie dieses Konzept vor Ort beim Schulbesuch erlebt?
Besonders beeindruckt haben mich die Gespräche mit den Schüler:innen. Sie haben uns gesagt: „Das Konzept ist genau das, was wir brauchen.“ Viele kommen aus einer Ausbildung und sind es gewohnt, selbstständig zu arbeiten. Einige hatten Bedenken, anschließend wieder in der Schule zu sitzen und vor allem zuhören zu müssen. Hier haben sie die Möglichkeit, weiterhin selbstständig und selbstorganisiert zu arbeiten.
Die Jury hebt außerdem die hohe Innovationsbereitschaft der Schule und die kontinuierliche Weiterentwicklung des Unterrichts hervor. Woran zeigt sich das konkret?
Innovation bedeutet für mich an dieser Stelle, den Mut zu haben, einen ganz anderen Weg zu gehen. Die Hans-Leipelt-Schule hat erst 2022 mit der Entwicklung ihres Konzeptes begonnen und es von Anfang an in den Klassen umgesetzt. Sie hat also nicht erst im Kleinen angefangen, sondern gesagt: Wir probieren das jetzt, wir machen das.
Seitdem wird das Konzept kontinuierlich weiterentwickelt. Die Schulleitung, das Kollegium und auch die Lernenden prüfen in schnellen, kleinen Zyklen immer wieder, was neu eingeführt wurde, testen und evaluieren es und passen es anschließend an. Genau daraus entsteht für mich diese Dynamik.
Was hat die Hans-Leipelt-Schule dazu bewegt, ihren Unterricht so grundlegend zu verändern?
Ein wichtiger Impuls war eine externe Evaluation im Jahr 2022. Sie hat der Schule zurückgemeldet, dass es beim selbstorganisierten Lernen noch Entwicklungsbedarf gab. Gleichzeitig hatte die Heterogenität der Schüler:innen deutlich zugenommen.
Hinzu kamen rückläufige Schülerzahlen. Immer weniger Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung entschieden sich dafür, anschließend noch das Abitur nachzuholen. Diese Entwicklung konnte die Schule im Laufe der vergangenen Jahre umkehren. Heute entscheiden sich wieder deutlich mehr Schüler:innen ganz bewusst aufgrund des pädagogischen Konzeptes und der neuen Unterrichtsform für diese Schule.
Woran konnten Sie darüber hinaus erkennen, dass das Konzept tatsächlich Wirkung zeigt?
Ein wichtiger Indikator ist für mich das große Netzwerk, das die Schule mit anderen Fachoberschulen und Berufsoberschulen in Bayern aufgebaut hat. Sie sitzt nicht auf ihrem Konzept, sondern trägt es nach außen.
Der größte Aha-Effekt war für uns jedoch, wie kohärent die Schüler:innen und Lehrkräfte über die Lernprozesse gesprochen haben. Die Schüler:innen schauen nicht mehr nur auf ihr Ergebnis. Sie können sehr genau reflektieren, wie sie lernen, und benennen, an welcher Stelle sie Unterstützung brauchen. Für mich ist diese Selbstreflexion ein deutliches Zeichen dafür, dass das Konzept das auslöst, was es erreichen soll: Die Schüler:innen übernehmen Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess.
Welche Beobachtung ist Ihnen vom Schulbesuch besonders in Erinnerung geblieben?
Ich kam in einen großen Raum, der für Gruppenarbeit und kooperatives Lernen eingerichtet ist. Ich habe mich dort zu mehreren Schüler:innen gesetzt und gefragt, woran sie gerade arbeiten und warum. Sie konnten sehr genau begründen, warum sie gerade an einem bestimmten Arbeitsblatt arbeiten und weshalb sie sich für eine bestimmte Gruppe entschieden haben. Ein Schüler erklärte mir beispielsweise, dass er sich für Mathematik mit einem anderen Mitschüler zusammentut, weil dieser darin stärker ist. Für Englisch wählt er wiederum eine andere Gruppe. Die Schüler:innen reflektieren sogar, mit wie vielen Personen sich ein bestimmtes Thema am besten bearbeiten lässt, und arbeiten auch über verschiedene Klassenstufen hinweg zusammen.
Sie sind selbst Schulleiter einer beruflichen Schule. Wie ordnen Sie vor diesem Hintergrund die Veränderungsbereitschaft ein, die Sie an der Hans-Leipelt-Schule erlebt haben?
Aus meiner Erfahrung tun sich Schulen häufig schwer mit Veränderungen, vor allem wenn das gesamte Kollegium und die ganze Schule davon betroffen sind. Gerade im beruflichen Schulwesen begegnet einem immer wieder der Satz: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Das kann zu einer großen Bremse für Veränderungen werden. Diese Zurückhaltung habe ich an der Hans-Leipelt-Schule überhaupt nicht wahrgenommen.
Solche Veränderungen sind mit sehr viel Arbeit und Kommunikation verbunden. Die Schule hat keine Hemmungen, diesen Aufwand auf sich zu nehmen und Veränderungen konsequent gemeinsam umzusetzen.
Gibt es etwas aus dem Schulbesuch, das Sie für Ihre eigene Arbeit als Schulleiter mitgenommen haben?
Ich habe tatsächlich angefangen, das Konzept an meiner eigenen Schule einzuführen, allerdings zunächst dosiert. Es gab im Kollegium viele Zweifel.
Die Verbindung von kurzen Instruktionsphasen und selbstorganisiertem Lernen haben wir inzwischen in Teilen der gymnasialen Oberstufe eingeführt. Die Lehrkräfte arbeiten dafür zusammen, bereiten den Unterricht gemeinsam vor und setzen ihn parallel um.
Wir beginnen zunächst mit wenigen Stunden, aber in vielen Fächern. Ich habe die große Hoffnung, dass sich der Ansatz von dort aus weiter multipliziert. Außerdem möchte ich noch in diesem Schuljahr mit einem Team an die Hans-Leipelt-Schule fahren. Die Lehrkräfte sollen die „BOS Vision“ vor Ort erleben und sehen, was möglich ist, wenn man den Mut hat, einen solchen Veränderungsweg zu gehen.
Zum Jurymitglied: Dr. Christian Mellwig ist Schulleiter der Albert-Schweitzer-Schule Sinsheim in Baden-Württemberg.