Jurymitglied Matthias Ropohl erklärt, warum die Oberschule Berenbostel mit dem Deutschen Schulpreis 2026 ausgezeichnet wird. 
 
Woran haben Sie beim Schulbesuch gemerkt: Hier sind wir richtig; die Oberschule Berenbostel hat das Potenzial für einen Preis? 
Am meisten beeindruckt hat mich, wie selbstverständlich das gemeinsame Unterrichtskonzept in der gesamten Schule zu erkennen war. Besonders sichtbar wurde das an der Gestaltung der Klassenräume. Dabei möchte ich die Qualität des Unterrichts gar nicht an der Einrichtung festmachen. Die einheitliche räumliche Gestaltung hat uns als Jury vielmehr gezeigt, wie verbindlich das Unterrichtskonzept in allen Klassen umgesetzt wird. Ganz gleich, ob wir die 5., 7. oder 9. Jahrgangsstufe besucht haben: Überall fanden wir die gleichen Raumaufteilungen und Unterrichtsregeln vor. So konnten wir unmittelbar erleben, wie sich das Unterrichtskonzept durch die gesamte Schule zieht. 
 
Das Unterrichtskonzept der Schule heißt THEO. Was verbirgt sich dahinter? 
Ausgangspunkt für die Entwicklung des heutigen Unterrichtskonzeptes war der sogenannte „Frei Day“. An einem Tag der Woche beschäftigten sich die Schüler:innen mit selbstgewählten überfachlichen Themen, zum Beispiel rund um Nachhaltigkeit. Die Erfahrungen mit dieser Form des Lernens gaben den Impuls, auch den Unterricht an den übrigen Wochentagen neu zu gestalten. Daraus entstand THEO, der themenorientierte Unterricht, der heute von Montag bis Donnerstag den Schulalltag prägt. 
Im Mittelpunkt steht das selbstbestimmte Lernen. Die Schüler:innen entscheiden, an welchen Aufgaben und Themen sie arbeiten möchten. Dabei übernehmen sie viel Verantwortung für ihr eigenes Lernen und entscheiden auch, welcher Lernort für ihre jeweilige Aufgabe geeignet ist. 
Jede:r Schüler:in hat im Lernbüro einen eigenen festen Arbeitsplatz mit Schreibtisch, Regal, Fächern und Tablet. Zum Arbeiten können die Schüler:innen außerdem das Lernatelier oder den Marktplatz nutzen. Diese Struktur zieht sich von Jahrgangsstufe 5 bis Jahrgangsstufe 10 durch die gesamte Schule. 
Die Materialien erhalten die Schüler:innen über ein digitales Lernmanagementsystem. Eine wichtige Rolle spielt außerdem das Logbuch. Damit planen sie, welche Aufgaben sie in einer Woche bearbeiten möchten, und dokumentieren ihre Fortschritte. Auch die Lehrkräfte, die an der Schule Lernbegleiter:innen heißen, nutzen das Logbuch. So können sie nachvollziehen, wie die Schüler:innen vorankommen, was gut funktioniert und wo Schwierigkeiten entstehen. Auf dieser Grundlage geben sie ihnen gezielt Rückmeldung. 
 
Wie erhalten die Schüler:innen Rückmeldung zu ihrem Lernprozess? 
Die Oberschule Berenbostel hat dafür zwei Formate entwickelt: LEA und ELEA. Bei LEA, was für Lernentwicklungsaustausch steht, führen die Schüler:innen mehrmals im Halbjahr Gespräche mit ihrer Lehrkraft. Darauf bereiten sie sich vor, indem sie ihren bisherigen Lernprozess dokumentieren und reflektieren: Was ist mir gelungen? Wo habe ich noch Schwierigkeiten? Im Gespräch schauen beide gemeinsam auf den Lernstand, vereinbaren neue Ziele und überlegen, welche nächsten Schritte dafür notwendig sind. Bei ELEA werden zusätzlich die Erziehungsberechtigten einbezogen. Einmal pro Halbjahr nimmt sich die Schule einen ganzen Tag Zeit für diese Gespräche.  
In beiden Formaten geht es auch um die Frage, wie selbstständig die Schüler:innen ihr Lernen bereits organisieren können. Für manche ist ein wichtiger nächster Schritt beispielsweise, sich zunächst auf eine Aufgabenstellung zu konzentrieren, bevor sie zur nächsten übergehen. Solche konkreten Strategien für das selbstständige Lernen werden in den Gesprächen aufgegriffen und gemeinsam weiterentwickelt. 
 
Wie schafft es die Schule, dass alle Schüler:innen mit der offenen Unterrichtsform gut arbeiten können? 
Genau darin lag eine der Herausforderungen, auf die die Schule mit ihrem Unterrichtskonzept reagiert hat. Viele Schüler:innen kommen mit Ängsten vor dem Lernen oder dem Lernort Schule aus der Primarstufe. Ein wichtiges Ziel ist deshalb, einen angstfreien Raum zu schaffen. Die Schüler:innen sollen Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln, erfahren, dass sie selbst etwas bewirken können, und zugleich lernen, einzuschätzen, was sie bereits können und wobei sie noch Unterstützung benötigen. 
Natürlich kann nicht jede:r vom ersten Tag an das eigene Lernen in einer so offenen Unterrichtsform selbstständig planen und gestalten. Deshalb arbeitet die Schule mit einem Graduierungssystem aus vier Leveln. Auf Level 1 sind beispielsweise die Anzahl der zu bearbeitenden Aufgaben, der Lernort oder die Sozialform vorgegeben. Von Level zu Level werden diese Vorgaben geöffnet. Auf Level 4 verfügen die Schüler:innen schließlich über die größte Autonomie und können viele Entscheidungen über ihr Lernen selbst treffen. So werden sie schrittweise an das selbstständige Lernen herangeführt. 
 
Wie haben Sie die Schüler:innen während des Schulbesuchs im Unterricht erlebt? 
Eine solche Lernumgebung gibt den Schüler:innen viel Sicherheit. Sie kommen morgens in die Schule und wissen, wie ihr Tag grundsätzlich ablaufen wird. Die konkreten Themen, Probleme und Fragestellungen mögen neu sein, aber der Rahmen, in dem das Lernen stattfindet, ist klar und verlässlich. 
Wir haben beobachtet, dass die Schüler:innen gerne zur Schule kommen und motiviert lernen, sowohl allein als auch in Kleingruppen. Sie nutzen ganz selbstverständlich die unterschiedlichen Lernorte und gewinnen dabei zunehmend an Selbstständigkeit. 
 
Die Jury bezeichnet das Schulklima als hervorragend. Was trägt neben diesem vertrauten, sicheren Rahmen dazu bei, und wie zeigt sich das im Schulalltag? 
Uns ist vor allem der persönliche Umgang aufgefallen – die Art, wie Lehrkräfte und Schüler:innen miteinander kommunizieren. Die Schule hat dafür gemeinsame Regeln vereinbart, etwa zur Begrüßung, zur Höflichkeit, zur Wertschätzung und zur gegenseitigen Rückmeldung. Wir haben erlebt, wie selbstverständlich diese Regeln nicht nur eingehalten, sondern auch gelebt werden. Das Miteinander wirkte sehr positiv und vertraut. 
 
Woran haben Sie als Besuchsteam und als Jury noch erkannt, dass die Unterrichtskonzepte wirksam sind? 
Das lässt sich auf verschiedenen Zeitebenen betrachten. Unmittelbar im Unterricht haben wir sehen können, dass sich die Schüler:innen in den sehr gut vorbereiteten Lernumgebungen sicher orientieren und strukturiert arbeiten. Sie wissen, was sie tun müssen, organisieren ihre Arbeit zunehmend selbstständig und erreichen die für den Tag gesetzten Ziele. 
Mittelfristig geben auch die VERA-Ergebnisse Hinweise auf die Lernentwicklung. Hier erzielt die Schule insgesamt durchschnittliche, in Mathematik teilweise leicht überdurchschnittliche Ergebnisse. Gleichzeitig schaut sie sehr genau auf Bereiche, in denen noch Entwicklungsbedarf besteht. Die tägliche Lesezeit wurde beispielsweise als Reaktion auf schwächere Ergebnisse im Bereich Lesen eingeführt. 
Langfristig betrachtet die Schule vor allem die erzielten Abschlüsse. Sie vergleicht, mit welchen Grundschulempfehlungen die Schüler:innen in Jahrgangsstufe 5 starten und welchen Abschluss sie am Ende ihrer Schulzeit erreichen. Ein relevanter Anteil erreicht dabei einen höheren Abschluss, als die ursprüngliche Grundschulempfehlung erwarten ließ. Auch darin zeigt sich für uns die Wirksamkeit der pädagogischen Arbeit. 
 
Die Oberschule arbeitet unter herausfordernden Bedingungen. Wie haben Sie die besondere Situation der Schule wahrgenommen? 
Die Schule ist Teil eines großen Schulzentrums, zu dem außerdem eine Gesamtschule und ein Gymnasium gehören. Beide Schulformen werden von vielen Familien bevorzugt gewählt. Das wirkt sich auf die Zusammensetzung der Schülerschaft an der Oberschule aus: Hier lernen viele Schüler:innen mit einem höheren Unterstützungsbedarf. Umso mehr hat uns beeindruckt, was die Schule unter diesen Voraussetzungen pädagogisch leistet. 
 
Wie geht das Kollegium mit diesen schwierigen Rahmenbedingungen um? 
Das Kollegium ist sehr eng zusammengewachsen. Wir als Jury haben es als hoch motiviert und sehr engagiert kennengelernt. Alle Mitglieder des Teams teilen ähnliche Überzeugungen darüber, wie das Lehren und Lernen gelingen kann. In den acht Jahren, in denen die Schule aufgebaut wurde, hat sich ein Kollegium formiert, das an einer gemeinsamen Vorstellung von gutem Unterricht arbeitet. Das war für uns deutlich spürbar. 
 
THEO ist aus dieser gemeinsamen Entwicklungsarbeit entstanden. Wie ist das Kollegium dabei vorgegangen? 
Die Schule hat ihre Unterrichtsentwicklung sehr grundlegend und langfristig angelegt. Am Anfang stand die Frage: Was sollen die Schüler:innen in den einzelnen Jahrgängen eigentlich lernen? Das Kollegium hat zunächst aus fachlicher Perspektive die Kompetenzen definiert und anschließend darüber nachgedacht, anhand welcher Themen die Schüler:innen sie erwerben können. Daraus ist THEO entstanden, der stark fächerübergreifend ausgerichtet ist. 
Für die Themen hat das Kollegium über die Jahre einen großen Fundus an Unterrichtseinheiten und Materialien entwickelt. Dabei gilt die gemeinsame Vereinbarung, dass die entwickelten Einheiten wieder eingesetzt und kontinuierlich weiterentwickelt werden. Nach jedem Durchlauf wird geschaut: Was hat gut funktioniert? Wo müssen wir nachjustieren? Was braucht es, damit die Einheit noch besser wird? 
 
Was können andere Schulen von der Oberschule lernen? 
Besonders interessant ist die Schule für Schulen, die ihren Unterricht stärker öffnen und individualisieren möchten. Das gilt gerade für Schulen mit einer sehr heterogenen Schülerschaft mit unterschiedlichen Förderbedarfen oder mit Schüler:innen, die in grundlegenden Bereichen wie Lesen, Schreiben und Rechnen besondere Unterstützung benötigen. 
 
Zum Jurymitglied: Mathias Ropohl ist Professor für Didaktik der Chemie an der Universität Duisburg-Essen.