Kurzporträt der Schule Rellinger Straße in Hamburg, Preisträger 2012.

Porträt

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Eine pappdicke Schicht Margarine schmiert sich die siebenjährige Priscilla auf eine Brötchenhälfte. Ihre Haare sind zu feinen Dreadlocks gezwirbelt, der pinkfarbene Nagellack ist schon etwas abgekaut. Sie greift nach dem Honigglas. Auf dem Tisch stehen außerdem Apfel- und Orangensaft, Müsli, Käse, Wurst und eine große Kanne Kakao. Warum sie jeden Morgen um halb acht zum Frühstücken in die Schule kommt, mag das aus Ghana stammende Mädchen nicht erzählen. Dafür springt der gleichaltrige Ariel ein: „Meine Mutter arbeitet früh, und mein Vater muss sich von der Nachtschicht erholen.“ Schichtarbeit, Überforderung der Eltern oder auch Geldnot: Es kann viele Gründe geben, das Frühstück ausfallen zu lassen. Doch anstatt über vermeintlich nachlässige Eltern zu klagen, sorgen Schulleiterin Maresi Lassek und ihre Kollegen lieber dafür, dass die Kinder vor der ersten Stunde erstmal etwas in den Magen bekommen.

Die Schule am Pfälzer Weg ist umstanden von weiß-grau gestrichenen Hochhäusern, mal zwölf, mal 16 Stockwerke hoch, sonst unterscheiden sie sich kaum. Der Bremer Stadtteil Tenever ist kein einfacher Ort: Die Wahlbeteiligung ist niedriger, Ausländeranteil, Arbeitslosigkeit und Jugendkriminalität sind höher als in vielen anderen Bezirken der Hansestadt. In der Schule spiegeln sich die kulturellen Unterschiede und sozialen Schwierigkeiten des Stadtteils wider: Rund 90 Prozent der 179 Kinder haben ausländische Wurzeln, ihre Eltern kommen aus Somalia, Marokko oder Pakistan, aus der Türkei, Polen oder Russland. Mindestens 60 Prozent ihrer Familien sind auf Transferleistungen wie Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld angewiesen.

Ein schwieriges Elternhaus und ein Standort an einem „sozialen Brennpunkt“ bedeuten in Deutschland für die Kinder in der Regel: schlechtere Chancen auf einen guten Schulabschluss, eine Ausbildung, einen vernünftig bezahlten Job. Die Schule am Pfälzer Weg hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Teufelskreis zu durchbrechen, den Startnachteil der Kinder, so weit es irgend geht, auszugleichen und ihnen eine Perspektive zu geben – mit Erfolg. Unermüdlich sammeln die Lehrer Spenden, schreiben Projektanträge und suchen Sponsoren, um Extras zu ermöglichen wie das Schulfrühstück und gesundes Obst für zwischendurch, aber auch für Materialien wie Zirkel oder Scheren, die viele Eltern ihren Kindern nicht bezahlen können. Auch haben sie dafür gesorgt, dass täglich Lesehelfer an die Schule kommen – dafür arbeiten sie eng mit der „Freiwilligenagentur“ zusammen, einer Bremer Ehrenamtlichenbörse.

Besonders am Herzen liegt Schulleiterin Lassek ein guter Kontakt zu den Eltern, weshalb sie vor sechs Jahren das Programm „KESch“ ins Leben rief. Das Kürzel steht für „Kinder, Eltern und Schule im Dialog“: Über die normalen Elternabende und Sprechtage hinaus treffen sich Lehrer und Eltern jeder Klasse einmal monatlich einen ganzen Nachmittag lang. Am Anfang lernen sich Eltern und Lehrer kennen, die Eltern zeigen sich gegenseitig ihre Heimatländer auf einer Weltkarte und erzählen einander, welche Spiele sie selbst früher gespielt haben. Später arbeiten sie gezielt an Themen wie „Ernährung“, „Konfliktlösung“ oder „Lernen“. Auch gemeinsame Ausflüge mit den Kindern stehen auf dem Programm wie Spielnachmittage, Konzert- oder Museumsbesuche.

„Dank der konsequenten Elternarbeit kommen Mütter und Väter viel regelmäßiger zu Elternabenden und engagieren sich auch außerhalb der Schule viel stärker für die Entwicklung ihrer Kinder“, erzählt Maresi Lassek, als sie durch den Klinkerbau führt, in dem 1993 der Betrieb aufgenommen wurde. Viel Tageslicht strömt in die breiten Flure und hell gestrichenen Klassenräume. „Wenn wir ihnen etwa erklären, wie wichtig Radfahren für die kindliche Entwicklung ist, sorgen fast alle für ein verkehrstüchtiges Fahrrad. Das ist in diesem Stadtteil überhaupt keine Selbstverständlichkeit.“

„Das Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern wird durch das Programm partnerschaftlicher“, sagt die türkischstämmige Özen Cakir-Memoglu, die gerade für einen Termin mit der Schulleiterin zu Besuch ist. Auch untereinander geben sich die Eltern, die durch das Programm näher zusammenrücken, nützliche Tipps: „Meine Tochter ärgert sich schnell, wenn ihr etwas nicht sofort gelingt“, so die Mutter. Von anderen Eltern habe sie gelernt, dem Mädchen dann zu sagen: „Du bist doch in anderen Sachen gut, keiner muss alles können.“

Die dritte Stunde ist angebrochen. „Wochenplanunterricht Deutsch“ für die Gruppe der „Tigeraugen“, in der Dritt- und Viertklässler gemeinsam unterrichtet werden. Ihre Tische stehen locker im Raum verteilt, die großen Fenster sind mit Papierblumen verziert, unter der Decke hängen selbstgebastelte Tiermasken. In den Regalen finden sich Materialordner zu Themen wie „Brot“, „Wald“ oder „Strom“. Je nachdem, wo sie in ihrem Lernprozess stehen, lösen die Kinder unterschiedliche Aufgaben – natürlich in Absprache mit ihrer Lehrerin: Einige suchen Wörter im Kinderwörterbuch, andere füllen Lückentexte aus oder lösen Buchstabenrätsel.

Derweil beugt sich die neunjährige Vanessa über ihr Geschichtenheft und schreibt eine selbst ausgedachte Erzählung noch einmal in Reinschrift ab. „Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit, da lebte ein Mädchen“, steht dort bereits. „Sie hatte einen süßen Hund.“ Auch Klassenkamerad Abdullah arbeitet an seiner Geschichte: Sie handelt von einem Jungen, der den seltsamen Namen „Hartwig“ trägt. Um nicht länger von den anderen gehänselt zu werden, will er lieber „Mohammed“ heißen. Am Ende aber findet er wieder zu seinem richtigen Namen zurück und wird von den anderen akzeptiert. Einander so annehmen, wie man ist, Unterschiede als selbstverständlich anerkennen: In der bunt gemischten Grundschule lernen das die Kinder ebenso wie ihre Schulfächer Mathe, Deutsch oder Musik. Nicht nur, weil sie aus so vielen verschiedenen Ländern kommen. Und nicht nur, weil in ihren Klassen – so wie im gesamten Bundesland Bremen – Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam unterrichtet werden. Mit jahrgangsübergreifendem Unterricht setzt die Schule am Pfälzer Weg noch einen obendrauf: Die Erstklässler lernen gemeinsam mit den Zweitklässlern, die Dritt- mit den Viertklässlern.

Beginnt ein neues Schuljahr, erklären die frischgebackenen Zweitklässler den Schulanfängern, wo die Jacken aufgehängt werden, wie man den Morgenkreis leitet und wie die Tafel gewischt werden soll. „Das funktioniert so gut, dass wir Lehrer dadurch tatsächlich weniger organisatorischen Aufwand haben. Dadurch können wir uns noch besser auf den eigentlichen Unterricht konzentrieren“, freut sich Maresi Lassek. „Durch ihre neue Rolle machen die Großen einen riesigen Entwicklungssprung.“ Die Sozialkompetenzen der Kinder fördern und auf die Lebenswelten der Kinder eingehen – auf den ersten Blick scheinen diese Pfeiler im Konzept der Schule gar nicht so viel mit Lernen und Leistung zu tun zu haben. Doch sorgen sie für eine Atmosphäre, in der die Kinder auch in Sachen Noten überdurchschnittlich gut abschneiden: 30 Prozent der Schüler schaffen in der 4. Klasse die Voraussetzungen fürs Gymnasium – deutlich mehr als in anderen Schulen in vergleichbaren Bremer Stadtteilen. Und damit eine Chance auf eine Zukunft jenseits der Hochhäuser von Tenever.

Kurzporträt der Schule am Pfälzer Weg in Bremen, Preisträger 2012.

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„Paul-Martini-Schule? Noch nie gehört!“, tönt der Taxifahrer am Hauptbahnhof in Bonn. Wenige Minuten später stoppt er seinen Wagen vor einem zweistöckigen Jahrhundertwende-Rotklinkerbau auf dem Gelände der Rheinischen Kliniken und mustert ihn, als wolle er sich vergewissern, dass die Lücke auf seinem inneren Stadtplan real ist.

„Uns findet man eben nicht so leicht“, weiß Elfriede Link und schaut vergnügt aus ihrem Büro in den verwunschenen Hinterhof der ehemaligen Frauenpsychiatrie-Station, in der seit 2005 junge Patienten der Kliniken unterrichtet werden – vom Vorschüler bis zum Abiturienten. Eine „Schule für Kranke“ mit einem eigenen Schulgebäude ist eine Seltenheit in Deutschland, doch die 56-jährige Leiterin scheint sich nicht an der mangelnden Bekanntheit zu stören. Im Gegenteil: Das Haus ist Lern- und Schutzraum zugleich, seine Isolation Voraussetzung für pädagogische und therapeutische Erfolge.

Für künstlerische allemal, das verraten Kunstwerke im ganzen Schulhaus: Makroaufnahmen von Blüten, Foto-Dokumentationen, Illustrationen und Texte, die von den Gedanken und Gefühlen der jungen Patienten erzählen, die nebenan im Krankenhaus behandelt wurden und hier zur Schule gingen. Ein Mädchen namens Miriam* schreibt: „Warum ich hier war, spielt keine Rolle. Wichtig ist nur: Ich bin wieder ich. Und darauf bin ich sehr stolz.“

Die Kinder und Jugendlichen leiden unter seelischen Problemen, haben ADHS, Autismus, Angst-, Ess- oder Zwangsstörungen, eine verzögerte Sprachentwicklung, manche sind traumatisiert. In den drei Außenstellen der Schule, der Kinderchirurgie, dem Kinderneurologischen Zentrum und der Kinderklinik, werden Kinder mit chronischen Erkrankungen wie Rheuma, Diabetes, Mukoviszidose oder Krebs unterrichtet. Einige besuchen die Schule für ein paar Wochen, andere bleiben Monate. 21 Sonderpädagogen sind für bis zu 130 Kinder und Jugendliche da.

Florian* war zehn Wochen lang in der Psychiatrie. „Wegen Depressionen“, sagt er ganz unbefangen. Vier Wochen nach seiner Entlassung ist der sportliche 16-Jährige zu Besuch in der Musik-AG von Birger Kohlhase und haut in die Saiten, wie immer am liebsten „Layla“ von Eric Clapton. In einer Pause lehnt er sich entspannt auf die Gitarre und erzählt von seiner Krankheit: „Ich war völlig antriebslos. Alle haben gesagt, reiß dich zusammen. Aber das bringt nichts!“ Als er anfing, sich zu „ritzen“, besorgte die Mutter ihm einen Therapieplatz.

„Solche Krisen sind keine Seltenheit in der Pubertät“, sagt Elfriede Link. Häufig hängen sie auch mit der persönlichen Lebensplanung zusammen, weshalb sie es als Aufgabe der Schule sieht, gemeinsam mit Therapeuten, Eltern und der Heimatschule, Perspektiven zu entwickeln: Wo liegen meine Talente? Welche Ziele habe ich? „Irgendwann stand die Frage im Raum: Muss ich überhaupt auf ein Gymnasium gehen?“, erzählt Florian. Er entschied sich für den Wechsel auf eine Realschule mit Schwerpunkt Musik. Kein Einzelfall, wie Elfriede Link betont: Die Hälfte der Schüler, die wegen einer Krise kommen, wechselt die Schule. „Die AG hat mich im Musikmachen bestärkt“, sagt Florian. „Das hat mir Kraft gegeben.“

Kreatives Arbeiten, das sich eng an den Interessen und Talenten der Schüler orientiert, nimmt einen wichtigen Teil des Unterrichts ein. Das hat manchmal sogar Vorrang vor den Hauptfächern. Im Kunst-Atelier arbeiten Schüler im Malerkittel an großen Staffeleien, in der Schreibwerkstatt brüten sie über Gedichten. Die „AG Intermezzo“ sammelt und verfasst Texte für eine Schülerzeitung, die zweimal im Jahr erscheint, darunter viele autobiografische Texte der Schüler. Das Wochenende beginnt freitags um 12 Uhr mit „Radio PMS“: Eine halbe Stunde lang lauscht die ganze Schule den Stimmen der Radio-Macher, die kleine Beiträge über die Schule und das Weltgeschehen vorlesen und Musik einspielen. Lautsprecher übertragen das Live-Programm in jeden Klassenraum.

Als Elfriede Link 2001 an die Paul-Martini-Schule kam, fanden die Schulstunden in Therapieräumen auf den Stationen statt, und als Lehrerzimmer dienten leerstehende Räume in dem damals von Asylbewerbern bewohnten Gebäude. Als sich deren Umzug andeutete, witterte Elfriede Link ihre Chance. Sie schrieb ein Konzept für eine Krankenschule, die unabhängig und zugleich Hand in Hand mit den Therapeuten arbeitet, sprach bei Chefärzten und der Verwaltung vor, stellte Anträge an den Schulträger, die Stadt Bonn. „Es ging mir darum, einen Ort zu schaffen, an dem die Kinder und Jugendlichen in erster Linie Schüler und nicht Patienten sind“, sagt sie heute. An dem nicht jeden Tag alle Spuren des gemeinsamen Arbeitens nach Unterrichtsschluss getilgt werden müssen. Sie hatte Erfolg – und das, obwohl die von ihr geplante Institution gar nicht im Schulgesetz verankert ist. „Offiziell gelten wir weder als Förderschule noch als Regelschule.“ In einer Veröffentlichung des Ministeriums heißt es: „Die Paul-Martini-Schule ist eine Schule eigener Art“. „Ich sag’ dann immer, wir sind eine eigenartige Schule“, sagt Elfriede Link. „Und dann zähle ich unsere Eigenarten auf.“

Da ist zum einen die Größe der Lerngruppen, die selten mehr als zehn Schüler umfassen, dafür aber stets zwei Klassenstufen vereinen und individuelle Förderung in den Vordergrund stellen. Wie in der Gruppe aus Erst- und Zweitklässlern, die Oliver Belkot, 30, an diesem Morgen unterrichtet: Der neunjährige Simon sitzt still über seinen Rechenaufgaben, während Meysam, 7, ein Puzzle legt. Sein Nebenmann hingegen kann sich kaum auf dem Stuhl halten und rennt plötzlich auf die Toilette. Belkot hält ihn nicht auf, doch wenn ein Schüler es zu weit treibt, setzt er die hölzerne Wäscheklammer mit seinem Namen auf einer Papp Ampel von „grün“ auf „gelb“. Bei „rot“ angekommen, fällt der belohnende Griff in eine Süßigkeitenkiste am Ende der Stunde aus. „Wir nehmen Rücksicht, wenn Kinder impulsgesteuert handeln“, sagt er. Zugleich aber müsse positives Verhalten verstärkt werden.

„Unser Ziel ist es, die Kinder auf den Besuch einer Regelschule vorzubereiten.“ Auch die sechs Jugendlichen, die eine Tür weiter über ihren Aufgaben sitzen, nutzen ihre Zeit an der Paul-Martini-Schule als Experimentierfeld. Die Neunt- und Zehntklässler besuchen die Schule im Rahmen einer mehrwöchigen stationären Stotter-Therapie an der Klinik. Im Klassenraum können sie ihre Fortschritte in Form von Rollenspielen einüben. „Wir sind eine mobbingfreie Zone“, sagt Elfriede Link. In ihrem Haus stehen therapeutische und pädagogische Ziele oft im Vordergrund, etwas anderes lassen die Diagnosen vieler Schüler gar nicht zu. Doch wo es geht, wird auch Leistung gefordert, etwa bei den Vorbereitungen auf externe Haupt- und Realschulabschluss-Prüfungen. Auch das Proben von Bewerbungsgesprächen oder die schrittweise Rückkehr an die alte Schule dient dem Ziel, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. „Wenn ein Schüler uns verlässt, sagen wir nicht: Auf Wiedersehen“, so Link. „Wir sagen: Lebewohl!“

*Namen geändert

Kurzporträt der Paul-Martini-Schule in Bonn, Preisträger 2012.

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Für Johanna war die Sache klar: Sie würde kein Abi machen. Auf gar keinen Fall. Anfang März, vier Wochen bevor die schriftlichen Prüfungen beginnen sollten, schmiss sie hin. Sie war lange krank, hatte Unterricht verpasst, und dann fragte sie sich auch: „Wozu brauche ich später Vektoren-Rechnungen?“ Die 19-Jährige will Sozialpädagogik studieren und mit Jugendlichen arbeiten. Für das Studium an einer Fachhochschule reicht das Zeugnis der 12. Klasse. Zu Hause gab es Stress, Johannas Eltern waren natürlich überhaupt nicht begeistert. „Die haben nicht mehr mit mir geredet“, erzählt sie und kaut auf dem Ring, der durch ihre Lippe gestochen ist. In der Schule versuchten Lehrer und Mitschüler sie zu überzeugen: Du machst einen Riesenfehler! Du musst doch Abitur machen! Überleg dir das noch mal! Johanna zog zu Hause aus und in eine WG. Sie fühlte sich frei. Endlich. „Mir ging es richtig gut mit der Entscheidung.“ Keiner konnte sie umstimmen.

Bis zu dem Nachmittag, als Frau Bachmann in der WG auftauchte. Anke Bachmann ist die Schulleiterin von Johanna. „Plötzlich stand Frau Bachmann vor mir. Das hat mich von den Socken gerissen“, erzählt Johanna und lässt das dünne Papier mit Tabakkrümeln sinken, mit dem sie sich eine Zigarette dreht. „Ich kannte Frau Bachmann gar nicht so gut. Aber dass sie weiß, wer ich bin, und extra zu mir kommt, das hat mich sehr beeindruckt.“ Die beiden haben Kaffee getrunken und geredet. „Johanna, das kriegen wir hin. Deine Noten sind nicht schlecht. Probier es doch“, machte Frau Bachmann ihr Mut. Johanna trat schließlich zu allen drei Prüfungen an: Politik, Englisch und Deutsch. „Als ich meiner Mutter erzählt habe, dass ich doch Abi mache, hat die geweint“, erzählt Johanna und nimmt einen tiefen Zug aus der Selbstgedrehten.

Für Schulleiterin Anke Bachmann ist es völlig selbstverständlich, dass sie zu Johanna gefahren ist. Die 52-Jährige mit den feuerroten Haaren findet das gar nicht weiter der Rede wert. Johanna sei eine gute Schülerin, die müsse doch Abitur machen und nicht aus Rebellion oder wer weiß was für Gründen die Schule abbrechen. "Die Frau Bachmann hat so etwas schon öfter gemacht", erzählt eine Schul-Sekretärin: „Sie ist auch schon zu Schülern gefahren und hat die abgeholt, wenn die morgens nicht zur Prüfung erschienen sind.“ So eine ist die Frau Bachmann.

Sich kümmern und verantwortlich fühlen – das hört an der Evangelischen Schule in Neuruppin, Brandenburg, nicht mit der Schulstunde auf. Es ist ein Gymnasium, wie es sich Eltern in ganz Deutschland wünschen: Fürsorgliche Lehrer spornen mit liebevoller Strenge aufgeweckte Schüler zu Höchstleistungen an.

Das „Evi“ wie die Evangelische Schule von Lehrern und Schülern fast zärtlich genannt wird, erhält in diesem Jahr den Deutschen Schulpreis. „Zum ersten Mal zeichnen wir ein Gymnasium mit dem ersten Preis aus“, sagt Professor Michael Schratz, Sprecher der Jury. Er hat das „Evi“ zwei Tage lang inspiziert. „Bisher hat keines unsere sechs Kriterien hinreichend erfüllt. Dies hier ist in allen Bereichen exzellent.“ Beim Kriterium Verantwortung erhielt das „Evi“ sogar eine Eins plus. „Wir hatten die Evangelische Schule Neuruppin nicht auf dem Radar“, gesteht Erziehungswissenschaftler Michael Schratz. „Wir hatten noch nichts von der Schule gehört.“ Doch beim Deutschen Schulpreis geht es nicht um große Namen, die in der pädagogischen Fachwelt kursieren, sondern hier zählt allein die Leistung, das Potential einer Schule. Und das „Evi“ sei ein Leuchtturm, von dem andere Schulen viel lernen können, lobt Schratz.

Zum Beispiel, was Eltern und Lehrer alles gemeinsam erreichen können. Das Gymnasium wurde 1993 nach der Wende von Eltern gegründet. Sie trafen sich in der alten Klosterkirche aus rotem Backstein, die Bürgerbewegung „Neues Forum“ bot Raum für solche Träume. Anke Bachmann, Lehrerin für Physik und Mathe, war von Anfang an dabei, zunächst als stellvertretende Schulleiterin, seit zwölf Jahren als Direktorin. „Wir wollten eine Schule, die Werte vermittelt, dies aber mit neuen Lernformen.“ Nur vier Monate dauerte es, dann stand das Konzept und die Container auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne mit Blick auf den Ruppiner See. Nach dem Abzug der Russen wurden die Mannschaftsquartiere zu Klassenzimmern umgebaut. Die evangelische Kirche übernahm die Trägerschaft. Zum Kollegium gehören seit Beginn Ost- und Westlehrer. Mit fünf Kollegen und 78 Schülern sind sie damals gestartet. 2004 kam die Grundschule dazu – wieder gaben Eltern den Anstoß. Seit 2009 gibt es eine Oberschule, Haupt- und Realschüler lernen gemeinsam in einer Klasse. Heute besuchen 982 Mädchen und Jungen die offene Ganztagsschule.

Von den Neuruppinern wurde das „Evi“ zunächst misstrauisch beobachtet. Lernen die da überhaupt was? Oder machen die bloß Yoga-Seminare? „Wir haben von Anfang an viel in Projekten und in Gruppen gearbeitet“, erzählt Anke Bachmann. „Es hieß: Bei uns bekommt man sein Abi leichter, weil die Schule Spaß macht.“ Dabei erzielen die Abiturienten deutlich bessere Ergebnisse als der Landesdurchschnitt. In Leistungskursen wie Englisch oder Informatik sind sie sogar ein bis zwei Noten besser als ihre Brandenburger Klassenkameraden. Auch bei Vergleichsarbeiten wie VERA, den Lernstandserhebungen in der 3. Klasse, schneiden die Schüler deutlich besser ab.

Das liegt an Lehrern wie Heiko Haschke, 42. Er trägt einen blauen Blazer mit Wappen auf der Brusttasche, „very British“ ist auch sein Akzent. In seinem Englisch-Leistungskurs in der 11. Klasse lässt er die Jugendlichen nicht einfach diskutieren, sondern debattieren. Nach festen Regeln üben sie die Kunst des verbalen Schlagabtausches: Vanessa, Franziska und Ole argumentieren für die Ehe, Anne, Fabienne und Louis streiten für das Single-Leben. Matthew, ein Austauschschüler aus den USA, überwacht das Rededuell. Zwei Minuten lang fliegen die Argumente hin und her.

Kurze Analyse: Was war gut? Was war schlecht? Wurde da etwa jemand ironisch? Nicht erlaubt bei einer Debatte. Lehrer Heiko Haschke fordert seine Schüler heraus: „Ich will von Euch nicht deutsche Sprache hören, übersetzt wie Lothar Matthäus, wenn er sagt: ‚I am for Bayern‘. Benutzt rhetorische Stilmittel!“ Dann kommt die nächste Gruppe dran. Zwei Schüler halten aus dem Stegreif ein Plädoyer für die Freigabe oder die Bestrafung des Besitzes von Marihuana. Jeder wird mit einbezogen, alle Schüler machen mit. „Herr Haschke verlangt viel von uns“, sagt Ole, 17. „Aber er ist fair.“

Professor Schratz von der Schulpreis-Jury kennt viele Schulen. Bei seinem Besuch in Neuruppin hat ihn nicht nur das hohe Niveau im Unterricht beeindruckt –, sondern auch das Klima: „Von dieser Schule können andere viel über die Wirkmächtigkeit von Ritualen lernen, wenn sie gelebt werden. Sie ist nicht traditionell religiös, aber legt Wert auf starke Bindungen. Das ist wichtig, denn wir wissen: Ohne Beziehung funktioniert Lernen nicht.“ Der Tag beginnt mit einer „Morgenbesinnung“, einem kurzen Moment des Innehaltens, Schüler oder Lehrer lesen Texte vor, die nachdenklich machen. Auch so versucht die Schule ihre Schüler für ethisch-soziale Fragen zu sensibilisieren. „Wir sind eine evangelische Schule, aber offen für alle“, sagt Anke Bachmann.

Hier lernen Kinder von Hartz-IV-Empfängern gemeinsam mit den Söhnen und Töchtern von Ärzten und Richtern. 70 Prozent der Schüler zahlen entweder kein Schulgeld oder nur den Mindestsatz von 45 Euro im Monat. Viele sind ganz vom Schulgeld befreit. „Wir sind keine Privat- oder Eliteschule“, betont Schulleiterin Anke Bachmann. Schüler und Eltern sind extrem zufrieden mit ihrer Schule. 96 Prozent der Mütter und Väter sagten bei einer Umfrage: „Ich schicke mein Kind gern auf diese Schule.“ Und fast 90 Prozent der Schüler gaben an: „Ich gehe gern in diese Schule.“ Das spricht sich rum: Inzwischen gibt es doppelt so viele Bewerber wie Plätze. Manche Schüler reisen jeden Tag aus Berlin an.

Die Kaserne ist quadratisch, praktisch, die Klassenräume sind sauber, aber nicht besonders aufwendig gestaltet oder dekoriert. „Wir sind nicht besser ausgestattet als staatliche Schulen – eher schlechter“, sagt die Schulleiterin. In Zukunft will das Land Brandenburg die Mittel für freie Schulen vor allem im Grundschulbereich kürzen. Elitär sind am „Evi“ die Ansprüche. Hier wird nicht Stoff vermittelt, sondern umfassende Bildung. „Unsere Schüler bringen viel Potential mit. Das fördern wir“, sagt Anke Bachmann. „Und wir erziehen sie dazu, Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen.“ Wertschätzung zieht sich wie ein roter Faden durch die Schule. Die Schüler erfahren: Du bist wertvoll. Und sie spüren: Ich leiste Sinnvolles. Man traut mir etwas zu. Zum Beispiel, wenn Schüler aus dem Englisch-Leistungskurs Jüngeren aus der 10. Klasse bei den Vorbereitungen für die Prüfungen in Englisch helfen.

Oder indem Gymnasiasten wie Lea und Maria in der Grundschule unterrichten. Die beiden 16-Jährigen übernehmen stundenweise die Klasse 3a. Der Umgang wirkt vertraut; die achtjährige Emilie läuft auf Lea zu und umarmt sie. Emilie, Hugo und Hannah freuen sich nicht nur über die Aufmerksamkeit durch die Großen und ihre Hilfe bei den „Schätzaufgaben“ in Mathe. Die beiden 16-jährigen Mädchen sind für Klassenlehrerin Tanja Hager-Cap auch „eine echte Entlastung“. Sie nutzt die Zeit auch schon mal für Fortbildungen. Auch Schüler aus der Ober- und Mittelstufe, die das Schulcafé „Tasca“ managen, lernen Verantwortung zu tragen. Ole aus der 11. Klasse ist der Vorstandsvorsitzende der Firma, in der Schüler von der 7. bis zur 13. Klasse arbeiten. Ole leitet nicht irgendeine Oberstufen-Teeküche, nein, das „Tasca“ ist ein richtiger Coffee-Shop. Er hat den Schlüssel zu dem Café, ist Ansprechpartner für seine Vorstandskollegen, die Dienstpläne erstellen, Preise kalkulieren und fair gehandelten Kaffee einkaufen. Ole organisiert auch Veranstaltungen wie das Schulfest oder den Band Contest. „Es macht Spaß, hinter der Bar zu stehen“, sagt er. „Und man lernt mit Stress umzugehen.“ Im vergangenen Geschäftsjahr konnte die Schüler-Aktiengesellschaft einen Gewinn von 2 500 Euro verbuchen.

Auf dem Schulhof hinter der ehemaligen Kaserne verläuft keine unsichtbare Trennlinie zwischen den Schulformen wie bei so vielen Schulzentren. Oberschüler und Gymnasiasten proben gemeinsam fürs Musical oder arbeiten im „Tasca“. Und die Schüler einer Stufe gehen selbstverständlich gemeinsam auf Klassenfahrt – egal, welcher Schulform sie angehören. Am „Evi“ soll jeder Schüler nach seinen Möglichkeiten und Interessen gefördert werden. Dafür probieren die Lehrer auch neue Unterrichtsmethoden aus. Mathe in der 7b: Textaufgaben und Prozentrechnen – schon bei dem Gedanken bricht vielen Schülern der Angstschweiß aus. Das ist auch am „Evi“ nicht anders. Deshalb haben Mathelehrerin Kerstin Zimmermann, 28, und die Kunstlehrerin Regine Ludwig, 29, ein fächerübergreifendes Projekt entwickelt: Sie lassen die Siebtklässler Comics zu Mathe-Aufgaben zeichnen. Eine lautet zum Beispiel: Auf dem Campingplatz am Birkensee werden aus betriebsbedingten Gründen die Preise für Stellplätze für das kommende Kalenderjahr um 12 Prozent angehoben. Berechne den Stellplatzpreis, wenn Kais Großeltern bisher für ihren Wohnwagen pro Saison 410 Euro bezahlen mussten. Elisa, Luisa und Emily malen ein Bild mit Wohnwagen und Wiese, einer durchgestrichenen Preistafel und einem Männchen mit Gedankenblase „Oh nöö!“. Dabei diskutieren sie über die Fragestellung. Die Dreier-Gruppe neben ihnen sucht nach einer künstlerischen Umsetzung für die Preiserhöhung im Autohaus „Flitzer“, eine andere denkt über Rabatte beim Sommerschlussverkauf nach. Gelöst werden die Aufgaben zu Hause.

Und was bringt das? Kunstlehrerin Regine Ludwig erklärt: „Es ist eine enorme Leistung, ein so komplexes Problem kreativ umzusetzen. Dabei werden die Hirnhälften vernetzt.“ Die 13-jährige Nathalie sagt es mit ihren Worten: „Man muss die Aufgabe verstanden haben, sonst kann man sie ja nicht malen.“ In Bayern, wo sie bis vor einem Jahr zur Schule ging, erzählt Nathalie, wurde der Lernstoff so durchgezogen: „Der Lehrer schreibt was an die Tafel, Test, neuer Stoff .“ Am „Evi“ fällt ihr das Lernen leichter. Und in Mathe hatte sie vorher eine Vier, jetzt steht sie zwischen Zwei und Drei. „Frau Zimmermann ist manchmal streng, aber nicht fies.“ Auch Rollenspiele haben sie in Mathe schon gemacht. „Ich finde es cool, dass wir solche Sachen machen.“

Die Lehrer schätzen die Freiheit, immer wieder etwas Neues ausprobieren zu können. Vor drei Jahren führten sie eine neue Zeitrechnung ein. Bis dahin dauerten die Doppelstunden 90 Minuten. Von jeder wurden zehn Minuten abgezogen. Nun dauert eine Schuleinheit am „Evi“ nur noch 80 Minuten. Die freiwerdende Zeit bekommen die Schüler für individuelles Arbeiten. In der Sekundarstufe I stehen einmal pro Woche 80 Minuten „Lernzeit“ und 80 Minuten für die Arbeit am „Wochenplan“ auf dem Stundenplan. Die Themen geben die Lehrer vor. Wochenplan-Arbeit in der 7b: Während Bela einen Aufsatz für Biologie über die Veränderungen während der Pubertät schreibt, übt Nathalie Französisch- Vokabeln. Auf dem Lehrerpult steht ein Laptop für Recherchen im Internet. Klassenlehrerin Sabine Hickel, 47, hilft und erklärt, falls ein Schüler Fragen hat. „Die Schüler lernen, Aufgaben zu planen und sich ihre Zeit einzuteilen.“ Wochenplan, Lernzeit, Klausuren – Joseph hat das alles bald hinter sich. Der 18-Jährige ist der Schulsprecher der Evangelischen Schule und macht gerade sein Abitur. Vielleicht will er Schauspieler werden. „Ich werde diesen unglaublichen Zusammenhalt vermissen.“ Auch Johanna muss nur noch eine mündliche Prüfung bestehen, Biologie. Dann hat sie ihr Abitur geschafft. „Am Anfang habe ich es für Frau Bachmann gemacht. Weil sie an dem Nachmittag zu mir gekommen ist. Jetzt sage ich mir: Das ist gut für mich.“

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Vor neun Jahren drohte der Erich Kästner-Schule in Bochum die Schließung. Heute zieht Bochums erste Gesamtschule dank gezielter Talentförderung auch leistungsstärkere Schüler an. Das spiegelt sich in den Lernerfolgen aller.

Klirrendes Geschirr hört man, Zitroneneis schmeckt man – das weiß Dayko. Doch über das Arbeitsblatt mit der Geschichte über eine Eisdiele gebeugt, fällt es ihm schwer, die Sinne zuzuordnen. Und nun, als die Ergebnisse der Einzelarbeit in der Kleingruppe zusammengetragen werden, schiebt er die Federtasche auf seine Notizen. „Ich hab’ das falsch“, sagt er. Christian Schwingeler, 29, der Deutschlehrer der Klasse 5.3, kann nicht helfen, er ist in einer anderen Ecke des Raumes gefragt.

„Lass mal sehen“, entgegnet Ira, ein Tuch im Piratenlook um den Kopf, sie tippt die Antworten ihrer Arbeitsgruppe in den Laptop und greift nach dem Zettel, schließlich soll die Datei auf dem Server stehen, bevor es zur Pause läutet. Vier Minuten noch. Ira überfliegt das Arbeitsblatt. Dayko hat die Sinneseindrücke herausgeschrieben, nur sortiert hat er sie nicht. „Ist doch gar nicht falsch“, sagt Ira und tippt seine Zeilen in eine Tabelle. Als die Schulklingel ertönt, drückt sie auf „speichern“.

Die Arbeit in Gruppen aus Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichen Leistungsstärken gehört zum Alltag an der Erich Kästner-Schule in Bochum. Sie ist nur eine von vielen Neuerungen, die hier in den vergangenen Jahren umgesetzt wurden und mittlerweile Früchte tragen: Bei zentralen Leistungstests schneiden die Schüler überdurchschnittlich ab. Weniger als ein Fünftel derer, die 2011 die Mittlere Reife erreichten, hatte eine Realschul- oder Gymnasialempfehlung gehabt; nicht mal ein Viertel der Abiturienten war mit Gymnasialempfehlung gestartet. Die Erich Kästner-Schule als Qualitätsschule – das wäre vor einigen Jahren kaum denkbar gewesen.

„Wir galten als ‚Chaotenschule‘“, sagt Schulleiter Walter Bald, sein Blick wandert aus dem Fenster und bleibt an einer Schülergruppe hängen, die in Richtung Eingang trottet. Bald erinnert sich: Als er sein Amt vor neun Jahren antrat, prägten Kinder und Jugendliche aus den sozial zerrütteten Siedlungen in der Nachbarschaft das Bild. Nur eine Handvoll Schüler schlug den Weg zum Abitur ein. „Die Situation hat das damalige Kollegium völlig überfordert“, sagt Bald.

2003 stellte das Land der Schule ein Ultimatum: Binnen sieben Jahren müsse die Sekundarstufe 60 Schüler zählen, sonst drohe die Schließung der 1971 gegründeten, ersten Gesamtschule Bochums. Ebenfalls 2003 wurde die Stelle des Schulleiters frei. Bald zögerte nicht lange. „Als 68er habe ich die Idee der Gesamtschule ja mit geboren“, sagt der 60-Jährige. Er gab seinen Posten als Personalratsvorsitzender in der Bezirksregierung auf und stellte sich ans Ruder eines sinkenden Schiffes. „Ich wollte Schule gestalten“, sagt er. Dass die Schule in den Folgejahren Fahrt aufnahm, schreibt er der Initiative einzelner Kollegen und dem Generationswechsel im Kollegium zu: „Da kamen junge Lehrer von der Uni, die hatten noch was vor sich, die wollten verändern.“ Seine Strategie sei es gewesen, den jungen Kollegen Freiräume zu schaffen, sie machen zu lassen. Sein Auftreten als Erster unter Gleichen motivierte die jungen, aber auch ältere Kollegen zur Innovation: Das Lernprofil „Kunst und Medien“ wurde geboren, es folgte eine „Notebook-Klasse“ mit Schwerpunkt Englisch, das Profil „Sport und Gesundheit“ und zuletzt eine Integrationsklasse. Ein Technikzweig war geplant, doch die Kapazitäten fehlten. Deshalb ist jetzt eine weitere Notebook-Klasse mit Schwerpunkt Naturwissenschaften in Arbeit. Kurswechsel fallen dem Kollegium, das in Teams à zwölf Lehrern organisiert ist, nicht schwer. Jedes Team verfügt über ein eigenes Lehrerzimmer, Tür an Tür mit den sechs Klassen, für die es verantwortlich ist. „Eine ideale Voraussetzung für effektive Zusammenarbeit“, sagt Bald.

Sein Kollegium unterrichtet bis heute eine Schülerschaft mit Wurzeln in mehr als 30 Ländern und vielen Jungen und Mädchen aus sozial benachteiligten Familien. Doch der Anteil leistungsstarker Jugendlicher wächst. Ein Grund mag das neue Schulgebäude sein. Der weitläufige Bau erinnert mit seinen schicken Sichtbetonwänden an eine moderne Hochschule und wurde vor zwei Jahren von einem Priester, einem Rabbiner und einem Imam eingeweiht.

Den Kern des Erfolgs aber kann man in der Aula beobachten, wenn die Musical-AG ein Stück probt, das auf dem Bochumer „Fest der Kulturen“ aufgeführt werden soll. Oder in der Sporthalle, wo an diesem Nachmittag Schüler aus Bochum und Lecco in Italien dem Ball hinterherrennen: Das Turnier ist der Höhepunkt eines jeden Austauschs mit Schulen in mittlerweile acht europäischen Ländern. „Wir haben hier Leute, die etwas auf die Beine stellen wollen“, sagt Walter Bald.

Doch nicht nur die Lehrer übernehmen Verantwortung, auch die Schüler sind gefragt, etwa im „Klassenrat“, wo Probleme und Pläne unter Aufsicht, aber selbständig diskutiert und zur Abstimmung gestellt werden. „Streitschlichter“ schreiten bei Konflikten ein, und im üppig ausgestatteten Trainingsraum sind Schüler als „Fitnesscoaches“ aktiv.

Mehmet hat die Schulung zwar noch nicht absolviert, aber vor der Spiegelwand erklärt der 16-Jährige schon mal, wie „Indoorsticks“ funktionieren. Streckt eine der mannshohen, flexiblen Stangen senkrecht vom Körper und bringt sie mit kurzen Armbewegungen zum Schwingen. „Das trainiert jeden Armmuskel“, erklärt er. „Wir nennen sie auch die Heidi-Klum-Stäbe!“ Sein Sportlehrer, Christian Koglin, grinst. „Es geht hier nicht um Disko-Muskeln“, sagt der 29-Jährige. Aber immer mehr Kinder brächten Haltungsschäden mit, die passgenaues Training erforderten. Ist das Programm einmal erstellt, können die Schüler selbständig trainieren, vorausgesetzt, ein Fitnesscoach ist anwesend.

Individuelle Angebote und intensive Begleitung sind auch beim Übergang in die Berufswelt zentral. Im Berufsorientierungsbüro „BoB“ von Georg Wiese, zwischen den Computerarbeitsplätzen vor der großen Fensterfront und dem runden Tisch für Gruppengespräche, verliert man endgültig das Gefühl, in einer Schule zu sein. In enger Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit, zahlreichen Unternehmen in der Region und gemeinsam mit zwei Kolleginnen, führt der 52-jährige Mathelehrer hier Beratungsgespräche, vermittelt Praktika und hilft bei Bewerbungen. Zwei Stunden in der Woche ist er vom Unterricht befreit. Weitaus mehr verbringt er im BoB. „Mittlerweile rufen die Firmen schon bei uns an“, erzählt Wiese, der einen geradezu sportlichen Ehrgeiz entwickelt hat, auch schwierige Fälle zu vermitteln. Wie die 16-jährige Sevgin, die Gefahr lief, die Schule ohne Abschluss zu verlassen. Über einen Platz im Landesprojekt „Betrieb und Schule“, das Unterricht mit einem Jahrespraktikum verbindet, fand sie einen Ausbildungsplatz. Bei einem Besuch in ihrer alten Schule berichtet sie mit leuchtenden Augen von der Arbeit als angehende Bäckerei-Fachverkäuferin und bemerkt lapidar: „Ohne das BoB wär’ ich weg vom Fenster.“

„Es gibt noch viel zu tun“, sagt Walter Bald. Er will die Schulstunden von 45 auf 60 Minuten umstellen. „Weil das effizienter ist“. Und dann sind da noch die beiden Metalltafeln mit den Kästner-Porträts, die in seinem Büro an der Wand lehnen. Die sollten längst an einer nahe gelegenen Fußgängerbrücke angebracht sein. Doch das Tiefbauamt stellte sich quer. Aber aufgeben? Das ist nicht sein Stil. „Ich kenne mich gut aus mit Behörden“, sagt Bald. „Wir schaffen das schon.“

Kurzporträt der Erich Kästner-Schule in Bochum, Preisträger 2012.

Manuel Neuer gibt die nominierten Schulen für den Deutschen Schulpreis 2019 bekannt

Der Schirmherr des Deutschen Schulpreises Manuel Neuer verkündete die nominierten Schulen im Interview mit Lennert Brinkhoff am 14. März 2019 live auf Facebook. Die Preisverleihung findet am 5. Juni in Berlin statt. Der mit 100.000 Euro dotierte Hauptpreis wird von Bundeskanzlerin Angela Merkel überreicht.

Porträt

Porträt

Caro ist eine, die immer alles ganz genau wissen will, die im naturwissenschaftlichen Unterricht nicht bloß eine Frage als schriftliche Hausaufgabe beantwortet, sondern gleich ein Referat zum Thema „Plastikmüll im Meer“ ausarbeitet und dies dann spontan vor der Klasse hält.

Am Gymnasium galt sie als Streberin. Aber gelernt hat die 14-Jährige mit der Zahnspange dort nicht viel. „Wir mussten viel auswendig lernen, in drei Tagen 120 Vokabeln pauken. „Die hatte sie nach den Tests schnell wieder vergessen. Für Caro war das nichts. Sie will, wie sie sagt, „den Dingen auf den Grund gehen.“ Deshalb wollte Caro auch auf eine andere Schule wechseln, aber das war gar nicht so einfach. Ihre Noten waren zu gut.
Also verweigerte Caro konsequent Leistung, versuchte Fünfen zu kassieren. „Ich war so froh, als ich endlich auf die Anne-Frank-Schule gehen konnte.“

Die Anne-Frank-Schule in Bargteheide ist eine „Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe“. So heißen in Schleswig-Holstein die Gesamtschulen seit der Schulreform 2007. Bargteheide ist eine beschauliche Kleinstadt im Speckgürtel von Hamburg. Die Anne-Frank-Schule mit 862 Schülern und 67 Lehrern genießt einen guten Ruf weit über ihr Einzugsgebiet hinaus und in diesem Jahr erhält sie den Deutschen Schulpreis. Eine echte Entdeckung – auch für die Jury. „Wir sind nicht nach Schleswig-Holstein gereist mit der Erwartung: Hier ist ein heißer Kandidat für den Preis“, sagt Professor Michael Schratz von der Universität Innsbruck, der Sprecher der Jury.

In der schriftlichen Bewerbung waren den Experten die Besonderheiten der Anne-Frank-Schule noch gar nicht so aufgefallen. Sicher, die Lehrer arbeiten in Teams, es gibt Doppelstunden und fächerübergreifenden Unterricht wie „Weltkunde“ (Geschichte, Erd- und Sozialkunde) oder „Nawi“ (Physik, Chemie und Biologie) und die Schüler führen Logbücher. Aber das machen sie inzwischen auch an vielen anderen Schulen.

Auch von außen fällt die AFS nicht weiter auf, die flachen Rotklinker-Gebäude passen sich dem Ortsbild an. Es ist, als konzentriere sich an der AFS alles auf das Innenleben – auf die Schüler. „Die veranstalten da kein großes Spektakel“, sagt Professor Schratz, und meint das durchaus anerkennend. Denn nachdem er zwei Tage lang den Unterricht beobachtet hat, mit Pädagogen, Eltern, Kindern und Jugendlichen diskutiert hat, waren er und die übrigen Jury-Mitglieder von einer Facette wirklich beeindruckt: dem Umgang der Lehrer mit ihren Schülern. „Die Kollegen machen kein Methoden-Geklimper. Sie sind nah dran an ihren Schülern. Alles trägt dazu bei die Kinder und Jugendlichen zu stärken.“

In der siebten Klasse nehmen alle Schüler an dem „Stärken-Seminar“ teil: Einen Tag lang bearbeiten die Mädchen und Jungen Übungen und werden dabei beobachtet. Allerdings nicht von ihren Lehrern, sondern von Persönlichkeiten des Ortes: Mitglieder des Rotary Clubs sind ebenso dabei wie Handwerker oder der Bürgermeister. Am Ende des Tages geben sie den Schülern Feedback – dabei werden ihnen ausschließlich ihre Stärken gespiegelt. „Nach dem Tag sind alle Jugendlichen zehn Zentimeter größer, so stolz sind sie über das Lob.“, sagt Michael Schratz.

An der Anne-Frank-Schule unterrichten die Lehrer offenbar bereits so, wie es der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie fordert, der mit seiner Mega-Studie „Lernen sichtbar machen“ gerade die deutsche Pädagogen-Szene aufrüttelt. Denn laut Hattie ist für den Lernerfolg nicht die Klassengröße entscheidend, auch Hausaufgaben oder gar Sitzenbleiben bringen nicht viel. Sondern allein auf den Lehrer und seinen Unterricht kommt es an. Die Pädagogen in Bargteheide beherzigen ihr Schulprogramm in dem steht: „Die wichtigsten Vorgaben für jede Schule sind die ihr anvertrauten Kinder – so wie sie sind und nicht so, wie wir sie uns wünschen mögen.“ Sie sind im Dialog mit ihren Schülern, geben ihnen Rückmeldungen und machen so das Lernen sichtbar. Und vor allem trauen sie ihren Schülern viel zu. Positive Selbsteinschätzung des eigenen Leistungsniveaus – das steht ganz oben auf Hatties Liste der 138 Erfolgsfaktoren, die er aus den abertausenden Studien extrahiert hat. Durch diese Ermutigung wachsen die Mädchen und Jungen buchstäblich über sich selbst hinaus.

Nach ihrem Wechsel auf die AFS kam Caro in die so genannte „Rückläuferklasse“: Eine siebte Klasse, eigens eingerichtet für die Schüler, die es am Gymnasium nicht schaffen und deshalb „abgeschult“ werden. Eine Kränkung, die die Kinder erst einmal überwinden müssen. Unter all den ehemaligen Gymnasiasten rutschte Caro schnell wieder in eine Sonderrolle. „Ich war ja die Einzige, die sich freute auf der AFS zu sein.“ Caro übersprang die achte Klasse und heute sitzt das zierliche, nur 1,51 Meter große Mädchen, das gern schwarze Strümpfe und Mini-Rock trägt, zwischen lauter 15-Jährigen in der 9b.

Klar reagiert auch mal einer von Caros neuen Klassenkameraden genervt – es sind schließlich Teenager. So wie Sebastian: „Wo hat sie das bloß alles her?“, stöhnt er im Nawi-Unterricht, als Caro in ihrem spontanen Vortrag ausholt und erklärt, dass es 450 Jahre dauert, bis Plastikrückstände im Wasser abgebaut werden. Sein Banknachbar Richard zuckt mit den Achseln. „Caro ist halt sehr engagiert.“ Anschließend gibt’s Applaus von der Klasse und dann beginnt eine angeregte Debatte, geschickt gelenkt von Klassenlehrer Tom Nickel.

Jule will zum Beispiel wissen, was man gegen verseuchte Fische tun kann. Etwa Vegetarier werden? Jule ist ein aufgewecktes, hübsches Mädchen mit dunklem Pferdeschwanz und bunten Armbändern. Aber auch Jule ist keine gewöhnliche Schülerin, sie ist sehbehindert. Üblicherweise landen Schüler wie sie auf einer Förder- oder Blindenschule. Doch an der AFS lernen Hochbegabte gemeinsam mit Schülern mit besonderem Förderbedarf. „Ich habe Glück, dass diese Schule auch Sonderkinder aufnimmt“, erzählt die 15-Jährige. „Die anderen gehen gut mit mir um. Am Anfang in der fünften Klasse war es ein Thema, dass ich nicht gut sehen kann. Wir haben darüber gesprochen und jetzt ist es kein Problem mehr.“

Seit 2011 ist die Anne-Frank-Schule eines von elf so genannten Kompetenzzentren für Begabtenförderung in Schleswig-Holstein. Hier kann eine Schülerin wie Caro, die zusätzliches Lernfutter braucht, zu den „Spürnasen“ in einen Extra-Raum gehen und über den Unterricht hinaus an eigenen Projekten arbeiten. Caro ist außerdem Schülerpatin für andere Begabte.

Hochbegabung beginnt ab einem IQ von 130. Aber die Anne-Frank-Schule misst Begabung nicht allein am Intelligenzquotienten, sondern fasst sie weiter und nimmt alle in den Fokus. Im fünften und sechsten Jahrgang bekommen sämtliche Mädchen und Jungen pro Woche vier Stunden Zeit, in „Forschen und Üben“ Inhalt und Methode ihrer Arbeit weitgehend selbst zu bestimmen. Dann tragen im Klassenzimmer einige Kinder Kopfhörer, damit kein Geräusch sie ablenkt; bei sonnigem Wetter suchen sich manche auch draußen auf dem Schulgelände einen ruhigen Platz, um selbständig zu arbeiten.

Bereits zum dritten Mal wird beim Deutschen Schulpreis eine Gesamtschule mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. Wie die beiden anderen Gesamtschulen vor ihr, die Robert-Bosch-Gesamtschule in Hildesheim (Preisträger 2007) und die Georg-Christoph-Lichtenberg Gesamtschule in Göttingen (Preisträger 2011), hat die Anne-Frank-Schule sich vom Außenseiter zum Vorbild hochgearbeitet.

Als die AFS 1989 gegründet wurde, war sie zunächst mehr geduldet als gewünscht: Sieben Lehrer unterrichteten die ersten Schüler in einem Einfamilienhaus mit morschen Fenstern. Jahrelang wurden Klassen in benachbarten Schulen einquartiert, weil Platz fehlte. „Von den umliegenden Schulen wurden wir misstrauisch beäugt. Eltern mussten sich rechtfertigen, wenn sie ihre Kinder zu uns schickten“, erinnert sich Angelika Knies, 60. Die Schulleiterin hat die Schule gegründet und mit aufgebaut. Und sie wurden beschimpft: „Macht die Fenster zu, hier stinkt es nach Gesamtschule“, rief ein Lehrer vom benachbarten Gymnasium, als Schüler der AFS vorbeigingen. Mädchen und Jungen wurde von Lehrern gedroht: „Wenn du nicht brav bist, dann kommst du auf die Gesamtschule, zu dem Abschaum.“ Und Schulleiterin Knies, die zuvor elf Jahre Biologie und Chemie an einem Gymnasium unterrichtet hatte, wurde bei Veranstaltungen von ehemaligen Kollegen geschnitten. Sie galt offenbar als Verräterin. So heftig waren die Vorbehalte gegen Gesamtschulen in Bargteheide.

Heute genießt die Schule einen ausgezeichneten Ruf, das Vertrauen der Eltern und Schüler ist nahezu grenzenlos: Jedes Jahr ist die Nachfrage nach den 104 Plätzen in den fünften Klassen doppelt so hoch wie das Angebot. Wer hier einen Platz bekommt, wird von den Nachbarn beglückwünscht und von so manchem insgeheim beneidet. „Hier lernt mein Sohn selbständig“, sagt der Vorsitzende des Elternrats Henrik Bustorf, 45. Sein jüngster Sohn Malte geht in die neunte Klasse. Der Große geht aufs Gymnasium. „Jeder, der hier von der Schule geht, kann sich vor die Klasse stellen und einen Vortrag frei halten. Das können nicht viele“, sagt der Direktor der Sparkasse Holstein. Seit Malte auf die AFS geht, arbeitet Bustorf im Elternrat mit. „Hier wollte ich mich sofort engagieren, denn Hilfe und Unterstützung sind erwünscht. Ich kann etwas bewegen.“

Schulleiterin Angelika Knies nickt. Sie glaubt nicht, dass ihre Schule nach 23 Jahren Aufbauarbeit alles kann. „Eine Schule, die sich nicht selbst als lernendes System versteht, die meint, fertig zu sein und nur Bewährtes weitertragen zu müssen, ist tot“, heißt es in der Bewerbung für den Schulpreis. Systematisch schauen die Lehrer: Wo können wir besser werden? Und wer kann uns dabei helfen? Seit 2004 sind sie Mitglied beim Netzwerk „Blick über den Zaun“. Mehrfach haben sie sich beim Deutschen Schulpreis beworben, stets kam die AFS unter die besten 50 Schulen. Das hat ihr die Teilnahme an der Akademie des Deutschen Schulpreises ermöglicht. Deren Anregungen halfen ihr, sich systematisch zu verändern.

Und noch immer sind sie nicht zufrieden: Die Logbücher sollen überarbeitet werden. „Wir können noch besser werden in der Tischgruppenarbeit“, sagt Jürgen Nowottny, 64 – ebenfalls von Anfang an dabei. Für ihn ist die Nominierung für den Schulpreis die Krönung seiner Berufslaufbahn. „Ich bin stolz auf die Schule“, sagt er. „Sie ist das, was ich immer wollte.“ Als Realschullehrer sah er keine pädagogische Zukunft mehr. Zu sehr hat es ihn belastet, wenn Schüler scheiterten. An der AFS hat seit neun Jahren keiner mehr die Schule ohne Abschluss verlassen. Sitzenbleiben, „Schrägversetzungen“ oder andere Aussortierungen kennt man hier nicht.

In der fünften Klasse startet ein Drittel der Schüler mit einer Gymnasialempfehlung, ein Drittel hat eine Empfehlung für die Hauptschule und ein weiteres Drittel für die Realschule. Gemeinsam lernen sie bis zur zehnten Klasse. Die Schüler strafen diese Prognosen Lügen: Nach fünf gemeinsamen Jahren schaffen mehr als die Hälfte der Mädchen und Jungen (53 Prozent) einen höheren Abschluss als von der Grundschule prognostiziert.

So wie Lars Frederic Rexa. Lars Grundschullehrerin sagte zu ihm: „Du gehörst auf die Hauptschule.“ Aber seine Mutter meldete ihn auf der AFS an. Gerade hat der 19-Jährige seine Abiturprüfungen in WiPo, Englisch und Deutsch geschrieben. Jetzt kommt noch die mündliche Prüfung in Biologie, dann hat er es geschafft. „Im letzten Jahr hatten wir ein Treffen mit der Grundschule“, erzählt der junge Mann mit der modischen Hornbrille. Seine frühere Lehrerin wollte wissen: „Na, Lars, wie geht es dir so?“ Sie hatte wohl erwartet, dass ihr ehemaliger Schüler bereits arbeitet. „Ich habe ihr geantwortet: Ich gehe auf die Oberstufe und lerne fürs Abi. Das war für mich echt eine Genugtuung. Und ihr war es, glaube ich, ein bisschen peinlich. Sie hat mir das ja nicht zugetraut.“ Zu verdanken hat Lars seine Leistungen sich selbst und seiner im letzten Jahr verstorbenen Lehrerin Alexa Basner. „Sie hat mir in der zehnten Klasse nach der Realschulprüfung gesagt: ‚Lars, Du kannst das. Jetzt beweis es!’ Und dann habe ich mich reingehängt.“

Bis zu zehn Prozent der Abiturienten hatten so wie Lars die Prognose bekommen, sie würden nur den Hauptschulabschluss schaffen. Auch bei den landesweiten Lernstandserhebungen VERA schneiden die Schüler überdurchschnittlich gut ab. Dafür erhält die Anne-Frank-Schule von der Schulpreis-Jury beim Kriterium Leistung eine glatte Eins.

Die Wertschätzung ihrer Lehrer bestärkt die Schüler und überträgt sich, sie gehen respektvoll miteinander um. „Hier sind alle viel höflicher als an meinem alten Gymnasium“, sagt Caro. Gewalt ist kein Thema, der Nadelfilz auf dem Boden ist gepflegt und sauber, an den Wänden oder auf den Toiletten finden sich keine Spuren von Schmierereien. Während der Pausen dürfen die Schüler – auch schon die Kleinen aus der Fünften – im Gebäude und in ihrem Klassenzimmer bleiben. Auch ohne ständige Aufsicht.

Die Schule wächst rund um das ehemalige Einfamilienhaus, in dem heute noch die fünften Klassen untergebracht sind. Im neuen Oberstufentrakt hängt ein riesiges Gemälde. Ein Werk des Kunstprofils: Eine gewaltige, lilafarbene Krake greift mit ihren Tentakeln nach drei Menschen, die im Wasser zu schweben scheinen. Sind es Schüler, Lehrer oder Eltern? Von den Personen sind nur die Umrisse zu erkennen. Egal. Die AFS, so die Botschaft, umarmt einfach alle und lässt keinen mehr los.